Goldberg: Onkel Witja ist krank

Henryk Goldberg über die Frage, weshalb das Gehirn macht, was es will.

Henryk Goldberg

Henryk Goldberg

Foto: Sascha Fromm

Also, damit Sie jetzt nicht erschrecken: Onkel Witja ist gar nicht krank. Das ist nur so ein Satz, den Mr. Edgwood manchmal sagt. Mr. Edgwood ist ein amerikanischer Spion in Moskau, und sie werden ihm das schmutzige Handwerk legen. Das Onkel-Witja-Ding ist eine Parole.

Es muss in dieser Zeit gewesen, als ich das Prinzip verstand, und für die Bande, die wir gegründet hatten, auch eine Parole kreierte. Die ging so: „Gold“ sagte der eine und „berg der schlechte Schüler“ musste die Ergänzung lauten. Diese Parole hatte ich mir ausgedacht, ich neigte wohl bereits im frühkindlichen Alter dazu, aus Gebrechen Honig zu saugen. Ist übrigens produktiver als jammern, das wusste schon Wilhelm Busch, auch ein famoses Haus.

Aber das eigentlich Bemerkenswerte an dem Satz ist der Umstand, dass ich ihn noch kenne.

Ich muss neun oder zehn Jahre alt gewesen sein, als ich ihm begegnete, es war so ein Heftchen, „Kleine Jugendreihe“. Ich habe nie mehr an diese Geschichte gedacht, aber ich fand einen illustrierten Artikel in der Zeitung, er handelte von einer Ausstellung in Gera über Groschenromane der DDR.

Auf einem der abgebildeten Cover sprang ein Mann mit roten Schuhen von einem roten Auto auf einen grünen Eisenbahnwagen, der Titel hieß „Rote Rosen“.

Das Bild war wie eine ferne Erinnerung, der Titel sagte mir nichts. Doch ich wollte es wissen und bestellte das Heftchen übers Internet, das waren etwa 6 Euro, 12 Westmark, der Ursprungspreis waren 35 Ost-Pfennig, so geht Rendite.

Ich hätte das Zeug aufheben sollen, diese Groschenware lag damals zu Dutzenden auf dem Kleiderschrank in dem Schlafzimmer, das meine Mutter sich damals in der Liebknechtstraße mit ihren beiden Kindern teilte. Und dann fand ich den Witja-Satz, an den ich nie mehr gedacht hatte, aber ich erkannte ihn sofort, wie einen alten, vergessenen Bekannten, den man nach Jahrzehnten trifft.

Auf dem erwähnten Kleiderschrank pflegte ich gelegentlich mit meiner kleinen Schwester Flugzeug zu spielen, indem ich, ihr Einverständnis voraussetzend, sie von oben auf das kollektiv genutzte Ehebett fliegen ließ. Das führte einmal zu einer klitzekleinen Gehirnerschütterung, was wiederum in Turbulenzen mit der gemeinsamen Erziehungsberechtigten mündete. Das Flugwesen ist halt gefährlich, auch für Schwestern.

Eines der Heftchen, die auf diesem Schrank lagen, handelte von einem Spion, der mit einem Flugzeug in den Westen flüchten will, woran ihn in ein heran rasendes Auto der Organe hindert.

Dieser Spion, das wusste ich noch, hieß Daub. Und einer der abgebildeten Schmöker „Mord auf dem Flugplatz“.

Das könnte es sein – und das war es. Der Mann war kein Spionage-Hund, sondern ein Nazi-Schwein, aber er hieß tatsächlich Daub. Und ein anderer, ein Guter, hieß Ernst Borstel, und er stand ruhig da und rauchte eine Zigarette. Es ging um Spione in Estland, dass dieses Land nicht schon immer sowjetisch war, das wusste ich damals nicht. Aber dass Spione böse sind, schon.

Ich suchte, neugierig geworden, im Internet und fand ein Heft mit der Ankündigung, es ginge um Spione in Estland. „Wer ist Nixi?“. Nie gehört, aber das war es. „Vor ihm, in der Uniform eines Hauptmanns des Staatssicherheitsdienstes, stand Ernst Borstel und rauchte ruhig eine Zigarette“. Es muss etwa, hüstel, hüstel, also es muss schon runde 60 Jahre sein, dass ich das las, das Erscheinungsjahr steht dafür.

Wieso prägt sich derlei ein, wieso entscheidet das Gehirn, ungebeten, so etwas zu speichern? Namen, wie sie ihm in Dutzenden anderen Geschichten begegneten, Szenen aus dem Stabilbaukasten der Groschen-Schreiber?

Es gab, Jahre später, manchmal Gedichte, die ich, meist zum Zwecke der Angabe, bewusst gelernt habe, aber das? Eine erratische Eigenmächtigkeit des Gehirns. Und die Frage, was wohl noch alles in unseren Tiefen verborgen sein könnte – wenn wir nur wüssten, was wir wissen.

Und weil wir jetzt mit dem Enkel eine Woche Hausboot fahren gehen, frage ich mich, woran sich Emil in 50, 60 Jahren wohl erinnern wird. Vermutlich eher an Darth Vader als an Detektive. Und, natürlich, an diesen wunderbaren Urlaub mit Oma Elena und Onkel Henryk.