Goldberg: Schlösser, die im Monde liegen

Henryk Goldberg über wirkliche und wahre alternative Fakten.

Foto: Andreas Wetzel

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Es war, wenn Erinnerung nicht trügt, im gleichen Jahr. Der junge Bühnenarbeiter stand in der Gasse und belächelte die Damen, die da auf der Bühne standen und, die Hüften sowie die von der Requisite ausgegebenen Besen schwingend, damit befasst waren, den Mond zu fegen. Er war überwiegend aus Pappe und wir Jungens hatten ihn da hingestellt, das war unser Beruf. Dazu sangen die Damen des Chores, das war ihr Beruf, ein Lied, es war wohl von den Schlössern, die im Monde liegen, „Frau Luna“ heißt das feine Stückchen. Und in eben diesem Jahr war es auch, dass Mr. Armstrong Ms. Luna nahe trat, ein weiterer kam hinzu, und da hatten wir nun zwei Männer in Betrachtung des Mondes. Und die Damen, die den Pappmond mit rührender Albernheit fegten, erinnere ich so deutlich, wie ich die Männer, die den richtigen Mond mit Mut betraten, beinahe vergessen habe. Nicht die Namen, wenigstens nicht den des ersten, aber die Situation. Ich erinnere nicht, immerhin schon 20 Jahre alt, das Ereignis selbst, die Stunden am Fernseher, die ich doch da verbracht habe, wie der Rest der Menschheit.

Merkwürdig ist es schon. Es war doch wirklich ein historischer Schritt, wir waren doch wirklich fasziniert. Und jetzt? Es scheint, als habe es nie einen historischen, einen wirklich historischen Schritt gegeben, der so wenig Eindruck hinterließ, der im Laufe der folgenden Jahre so verblasste. Jetzt ist es die Magie der runden Zahl, ein halbes Jahrhundert, an der Medien nie vorbei können, die das Ereignis wieder erinnert. In der DDR, wenn wir sie noch hätten, würde wohl die fürs Öffentliche zuständige Kommission beschlossen haben, es sei der erste Mensch auf dem Mond kein sonderlich denkwürdiges Ereignis, und das hätte mit seiner Herkunft zu tun gehabt, auch Mondfragen waren Klassenfragen. Aber es sieht so aus, als hätten unsere Menschen spontan das Nämliche beschlossen, doch womit hat das zu tun?

Ich erinnere das lang zurückliegende Gespräch mit einer jungen Frau, die den träumerischen Blick damals über den Himmel schweifen ließ, um sodann kategorisch zu erklären, es sei ein Unsinn, dass man dies nun für Berge und Täler und Gestein halte. Natürlich habe der Mond ein Gesicht und er blicke ein wenig resigniert.

Das ist die reine Wahrheit, die poetische also. Wenn uns, in diesen Zeiten, irgendetwas rein und unbefleckt erhaltenswert erscheint, dann die Poesie. Und, wenn es nicht gerade um die Bankverbindung oder das Auto oder den Herzschrittmacher oder die Steuererklärung geht, dann bevorzugen wir die Wahrheit des Poetischen gegenüber der des Faktischen. Zumal wir durch das Land, das die drei Männer als Abgesandte der Menschheit damals zum Mond schickte, etwas über die Existenz von „alternativen Fakten“ gelernt haben.

Die Poesie des Mondes gehört zu dieser Spielart des Faktischen, ohne deshalb eine „Fake News“ zu sein. Georg Büchner lässt eine alte Frau ein Märchen erzählen von einem Mädchen: „Und als es an den Mond kam, da war‘s ein Stück faul Holz.“ Das ist die Angst.

Unser Mond, der ist gemacht aus Traum und Poesie. So soll es bleiben, da soll uns niemand darauf herum trampeln im Namen des Fortschritts. Gut, es musste wohl probiert werden, es ging, es war großartig und nun ist es gut. Kann sein, sie hatten bei der Nasa und denen, die ihr Aufträge und Geld geben, ein ähnliches Empfinden. Kann sein, im Ernst, es ist der Umstand, dass dieses tatsächlich historische Ereignis so verblasst ist, dem Umgang der Menschheit mit dieser Pioniertat geschuldet. Wir, wir Menschen, waren oben, und haben es damit genug sein lassen, es folgte nichts daraus.

Wollen wir wirklich, ich meine wir, wir Freunde der schönen Poesie und der raunenden Magie, dass auf dem Mond wirklich spazieren gegangen wird? Sollen sie den Mars nehmen und die Venus und den anderen Kram, ist doch genug da. Aber nicht ihn. Auf den Mond da wollen wir schauen wie der kleine Prinz, wie der kleine Häwelmann. Unser Mond, verdammt noch eins, heißt Caspar David Friedrich und nicht Neil Armstrong, mit allem Respekt. Das Wesen des Mondes haben wir bei Thomas Mann gelernt und seinem Mondwanderer Abraham.Und wenn sie Gerätschaften benötigen, um zu wissen was da oben los ist, wenn sie nicht begreifen, dass eine Mondscheinsonate mehr weiß vom Mond als ein Mondatlas, dann ist ihnen auch nicht zu helfen.

Aber vielleicht wissen sie es auch und lassen ihn deshalb in Ruhe.

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