Goldberg: Soda und Apfelkuchen

Ein Salon über die Frage, wie nett das Netz ist.

Henryk Goldberg

Henryk Goldberg

Foto: Andreas Wetzel

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Na, was machen Sie Silvester? Okay, das ist eigentlich die Mitte-Dezember-Frage. Aber eine Frau, die ich hier aus Gründen des Datenschutzes nur NN nennen will, hatte sie schon am 16. November gestellt. Und das war nicht zu früh, denn wer so eine Party plant, der braucht schon etwas Vorlauf.

Diese Einladung erging an etwa 250 Mitbürger: „Wer von euch hat Lust, Silvester mit uns in Erfurt zu verbringen?“ Dabei, sie verfügt über 804 FB-Freunde, hatte also schon eine Auswahl getroffen. Und ich hoffe, sie ist nicht zu sehr betroffen von dieser Klatsch-Kolumne, es bleibt ja anonym. Damit das Ganze funktioniert, gründete sie bei WhatsApp eine Gruppe, deren Mitglieder dort als namenlose Handy-Nummern auftauchen.

Und dann ging’s los.

33 Menschen verließen sofort die Gruppe, was NN zu folgender Mitteilung veranlasste: „Gruppe gelöscht!!! Keine Einladung! Keine Infos mehr!!“ Aber da kennt sie das Netz nicht, die Gruppe stand wie eine 1, trotz weiterer 16 Abgänge. Dann die Mitteilung von W. aus G., man wolle ja, könne aber nicht, da R. am 2.1. Geburtstag habe, und nicht in bester Verfassung. Folgen 19 Abgänge sowie „Hallo NN verstehe überhaupt nichts??? Lg“, „Ich auch nicht, freue mich aber über Kontakt“ und „Hallo liebe NN, bin schon in vielen Gruppen, bitte nur Wichtiges“. Und jetzt flüchten die Gruppenteilnehmer in Massen, aber die Gruppe als solche steht eisern sowie im Netz. „Thank you for adding me to your list of friends.“ Und NN: „No group ones more sorry!!!“ Eine sympathische Frauenstimme teilt mit: „Leider bin ich Silvester in Australien“, die Arme.

Paar Abgänge und „Mir wird, nachdem NN die Gruppe verlassen hat das Mitglied mit der Nummer XXX als Administrator angezeigt.“ Und die Bitte, diese Gruppe komplett zu löschen, weil: „Wir sehen hier alle gegenseitig unsere Handynummern.“ Stimmt, allerdings sind die nicht mit Namen verbunden. Ein weiteres Mitglied unterstützt das, denn sie „will auch nicht wissen, wer Silvester in Aus-tralien ist oder wer zu gebrechlich ist, um an der nicht stattfindenden Silvesterfeier teilzunehmen.“ Mag sein, aber lustig ist es auch. „herrlich…“ findet ein anderer der Teilnehmenden völlig zu Recht und fügt drei Smileys an. Allerdings versteht wohl nicht jeder den feinen Humor: „???? Was ist das hier, Ich kenne mich nicht mehr aus…“ Dann setzt sich die Humorfraktion durch, ich bin ganz auf ihrer Seite. „Ich empfinde es zurzeit recht amüsant.“, „Der Letzte macht das Licht aus.“

Es entwickelt sich. „Sind ja nur noch 80“ stellt einer fest. Und nun mehrfache, energische Bitten, die Gruppe zu löschen, Handynummern, Datenschutz. Es klappt nicht. Ich bringe es nicht fertig, zu gehen, es ist zu schön. Wir sind nun „eine Soda-Gruppe. Eine Gruppe, die einfach nur so da ist“. Folgen heitere Anmerkungen über die Frage, ob eine Restgruppe eine Randgruppe ist.

Jemand bedauert: „Dann müssen wir einander verlassen, lasst es euch gut gehen, adios“. „Tschüssi“, ruft eine, „den letzten beißen die Hunde“ ein anderer.

Ich lasse es drauf ankommen. Eine sehr angenehme Stimme sagt: „Das war die lustigste Kommunikation, die ich hier grade las. Lasst es euch gut gehen.“ „Mein Sohn und ich haben die 2 Tage in dieser Gruppe genossen…war eine gute Zeit, der Apfelkuchen ist gleich fertig, tschüssi.“ Ach, Abschied ist ein scharfes Schwert.

Die Bitte zu verschwinden, wird dringlicher, wir sind noch 30 und es ist Sonntag. Es ist NN, das kann ich verstehen, etwas peinlich, weil „einige der Betreffenden sind damit sehr unglücklich“ – ihre Handynummern sind hier anonym sichtbar.

Und wieder eine nette Stimme, die sagt „den Sicherheitsfreaks kann ich sagen, tut mir leid dass ihr das so dramatisiert, dadurch macht ihr aus der coolen Sache einen unwahrscheinlichen Scheiß, schade.“

Genau das empfinde ich auch. Und so geht das weiter bis zum Dienstag. Ich gehöre zu den letzten 7, dann werde auch ich entfernt. „Diese Gruppe wurde aufgelöst“ ist der letzte Eintrag – aber, wie ein Lied in alten Zeiten klang: Da sind wir aber immer noch. Wenigstens bei mir in WhatsApp.

Möchte jemand 250 Telefonnummern ohne Namen kaufen? Damit könnte ich unsere Silvesterfeier finanzieren.

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