Goldberg: Was vom Leben bleibt

Henryk Goldberg über die Frage, wie schwer das Gewöhnen ist.

Henryk Goldberg

Henryk Goldberg

Foto: ta

Geburtstag gehabt, gefeiert. Wenigstens ein bisschen. Die mit diesem Tag verbundene Zahl ist nicht so toll, aber man gewöhnt sich. Corona ist auch nicht so toll, aber das war es nicht. Es war mein erster Geburtstag ohne meine Mutter.

Die letzten 30 Jahre gab es keinen dieser Tage, den wir nicht zusammen verbracht hätten und vordem nicht viele. Und jetzt ist sie tot. Gestorben Anfang Februar, beinahe bin ich versucht zu sagen: zum Glück nicht zwei Monate später.

Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Mann von 70 Jahren eine Mutter hat, es ist wohl eher die Ausnahme, aber man gewöhnt sich daran. Man denkt, nein, man weiß es ja besser, aber man empfindet irgendwie, das war immer so und das wird immer so sein, schließlich, das ist die Mutter und sie ist schon 70 Jahre da. Was ja auch heißt, dass sie 96 ist, aber trotzdem, aber irgendwie…

Man will nicht wissen, was man weiß, man nennt es Verdrängung. Es gibt keinen anderen Menschen in meinem Leben, dessen Existenz, dessen Verfügbarkeit und Liebe von meinem jüngsten, also ersten Tag an, so selbstverständlich, so jenseits aller Wechselfälle des Lebens war. Der Satz, das Leben gehe weiter, gilt auch hier, er ist eine mentale Überlebenstechnik. Aber etwas wird anders sein, etwas, von dem ich noch nicht weiß, ob und wie man sich gewöhnen kann.

Wenn ich alle Kindheitsbilder in meinem Kopfkino anschaue, dann leuchtet eines am hellsten: Da liege ich auch der Couch mit meiner Mami, meinem Schlumpi und meinem Buch, meine kleine Schwester musste schon ins Bett. Das heißt, das stimmt so nicht ganz, die Ma-mi und der Schlumpi, unser Dackel, waren immer die gleichen, das Buch nicht. Denn häufig waren wir am Sonnabendnachmittag in der Bibliothek. Ich erinnere mich, als einmal eine Bibliothekarin leise fragte, ob er, also ich, nicht etwas zu jung sei für dieses Buch, da antwortete die Erziehungsberechtigte, er sei schon ziemlich weit für sein Alter.

Dennoch habe ihr erst viel später gesagt, dass ich im Bücherregal, zweite Reihe, ganz hinten, die „Lady Chatterley“ fand, es hätte ihr damals womöglich nicht gefallen, wie mir das gefiel. Aber ich erinnere mich auch, wie sie Frau Machleit erzählte, dass wir am Wochenende ins öffentliche Wannenbad gehen, es war am Talknoten, und sie leise, sie dachten, ich merke es nicht, fragte: „Mit ihm?“. Kopfbewegung zu mir. „Da bleibt er wenigstens“, so oder so ähnlich hat meine Mutter damals leise geantwortet, „nicht stundenlang vor jedem Bild stehen.“ Ich blieb trotzdem stehen, aber der Schock war nicht mehr so groß.

In dieser Zeit, auf dieser Couch habe ich lesen gelernt, mit Karl May und Egon Erwin Kisch, beide kamen von ihr, und sie pflanzten die Ahnung, ein interessantes Leben könnte auch zu tun haben mit interessanten Büchern.

Es gibt viele solche Bilder, immerhin, wir waren 70 Jahre zusammen. Aber das größte, das schönste Bild ist das auf der Couch, Mutter und Sohn, Hund und Buch. Es hat mich mein Leben lang begleitet, und geprägt hat es mich auch.

Es ist die Erinnerung an eine vollendete, eine unendlich scheinende Harmonie, an Stunden, die in Jahrzehnten nicht verloren gehen.

Ich glaube, dieses Bedürfnis nach Harmonie war die Grundsehnsucht ihres Lebens, eine Sehnsucht, die sie ein langes Leben lang geleitet und begleitet hat.

Übrigens auch dann, wenn der Sohn es ihr in jüngeren Jahren, die Schule, die Lehre, der Krach mit dem Vater, nicht immer leicht machte, diese Harmonie mit ihm zu leben.

Sie war so harmoniebedürftig – und so stark, wenn es darauf ankam. Manchmal habe ich mich gefragt, wie ein katholisch erzogenes Mädchen, aufgewachsen in einem Milieu von ausgeprägter Kleinbürgerlichkeit, aufgewachsen auch mit dem Antisemitismus als Staats-doktrin, BDM und Marinehelferin, es geschafft hatte, wenige Jahre nach dem Krieg eine Beziehung mit einem polnischen Juden einzugehen. Sie hatte eine seltsame, irritierende Kraft, wenn ihr etwas wichtig schien.

Einmal, schon im Heim, da hat sie gesagt „Ich würde gern wissen, was du über dein Fräulein Mutter schreibst wenn ich tot bin.“ Und ich habe ihre Hand genommen und geantwortet „Nur das Beste Mami, nur das Beste“.