Goldberg: Wind of Change

Henryk Goldberg mag erste Sätze, die bleiben.

Henryk Goldberg.

Henryk Goldberg.

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Ich will aber nicht Minister werden! Nein, das wird kein Beitrag über Martin Schulz oder Annegret Kramp-Karrenbauer. Der eine wollte und die andere wurde, obgleich beide allerlei verlautbarten, das dem Sinne des Anfangs entspricht. Das wird ein Beitrag über Anfänge, über erste Sätze von Büchern. Wenn Sie etwas älter sind, werden Sie es womöglich bemerkt haben, denn der erste Satz dieses Beitrages ist ein solcher Satz. Ich sag nicht, aus welchem Buch, denn zum einen soll das hier auch ein lustiges Bücherraten für Sie werden und zum anderen ist es das Buch eines in der DDR sehr berühmten und vielfach, und zu Recht, kritisierten Schriftstellers, dessen Arbeit ich trotz alledem nicht auf den Scheiterhaufen werfen mag. Kann auch sein, mit diesem ersten Satz meinte er ein wenig auch sich, doch dann wurde er trotzdem Präsident. Allerdings ist das kein gutes Buch, es war nur die Reprise eines guten.

Es gibt, will ich sagen, Bücher, deren erste Sätze erinnerlich bleiben. Sei es, weil ihr häufiger Gebrauch die Verwandlung in eine bleibende Erinnerung bewirkt –„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte…“ – oder weil irgendein unklarer Grund verhindert, dass die Erinnerung vom Winde verweht wird, obgleich der Leser nicht so maßlos beeindruckt ist. Zum Beispiel von dem Buch und seinem ersten Satz „Scarlett O’Hara war nicht eigentlich schön zu nennen…“. Allerdings wird die Erinnerung an den Titel und seinen ersten Satz künftig eher vom Wind statt vom Winde, verweht.

Denn am 2. Januar 2020, dem ersten Werktag des Jahres, an dem das Werk gemeinfrei wird, erscheint Margaret Mitchells Welterfolg in einer Neuübersetzung. Sie soll, so ist zu hören, härter sein, denn die tradierte deutsche Übersetzung habe die Lakonie, die Kühle der Sprache gleichsam verweht. So kommt dem Wind der klingende Schlussvokal abhanden, auch der erste Satz wird klarer. Abgesehen davon, dass auch die „Neger“ verschwinden werden, was bei einer Geschichte aus den Südstaaten zu der Zeit der Sezessionskriege eine Albernheit ist, abgesehen davon also mag diese Neuübersetzung in ihrer Sprache womöglich authentischer sein. Die Frage ist aber, ob es wünschenswert ist, eine Sprache und ihre Bilder, ihren Sound, die in den Köpfen von Millionen Lesern tradiert sind, zu verändern. Kann ja sein, dass das russische Original mit „Verbrechen und Strafe“ korrekter übersetzt ist, aber in der deutschsprachigen Welt gilt nun einmal „Schuld und Sühne“ als ein großes Buch, übrigens klingt es auch besser, und der Unterschied wird sich, jenseits philologischer Fachdiskussionen, kaum einem Leser erschließen.

Außerdem gefährdet derlei das schöne Spiel, in dem der Ursprung erster Sätze zu erraten ist. Mehrheitlich sind solche Sätze, die ich auswendig kann, zum Glück nicht von dem Risiko einer philologischen Neubewertung betroffen, weil sie ihren ursprünglichen Ort bereits in der deutschen Sprache haben. Doch wenn jemand den eigentlich russischen Satz „Alle glücklichen Familien gleichen einander…“ neu fassen würde, dann könnte ich nur mit Luther rufen „Hilf, du heilige Anna“ oder mich vor eine Lokomotive werfen. Oder mich in wilder Schwermut von den Marmorklippen stürzen. Aber dazu müsste ich vielleicht jünger sein.

Wohingegen es mich etwas gespenstisch anwehen würde, hielten Sie den Satz „Ein Gespenst geht um in Europa…“ für die Einleitung einer Gruselgeschichte, obgleich die bislang bekannten Folgen dieses Satzes zu Teilen tatsächlich einer Gruselgeschichte gleichen.

Eine wahre Geschichte, die gruselig zu nennen eine respektlose Untertreibung wäre, beginnt mit dem Satz „Und da war Gnodtke“, und was dann folgt, gehört mit zum Eindrücklichsten, was ich je über Leben und Sterben im Krieg gelesen habe. Der Autor lebte und arbeitete übrigens zwei Jahre in Weimar, bis er erkannte, dass die Stadt und das Land doch nicht mehr der Hort des Guten und Schönen waren.

Früher, viel früher, verließ ein anderer Autor die Stadt Weimar wegen einer „Eseley“, allerdings weiß bis heute niemand, warum es so kam. Die wundertraurige Geschichte eines ebenfalls unglücklichen Dichters beginnt „Den 20. Jänner zog Lenz durchs Gebirg“.

Übrigens, „Vom Winde verweht“ habe ich nie gelesen, der erste Satz fand sich nur in einem Buch des eingangs erwähnten Autors. Und falls Sie nicht wissen, wie das Buch hieß, schauen Sie einfach ins Impressum.

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