Salon: Auf Lebenszeit

Henryk Goldberg über die Frage, warum mittelmäßige Musik so lange bleibt.

Henryk Goldberg

Henryk Goldberg

Foto: Andreas Wetzel

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Entweder es war die Thüringenhalle in Erfurt oder die Messe, ich weiß es nicht mehr. In der Pause legte mir ein fremder Kerl den Arm vertraulich um die Schulter und sagte leise „Komm mal mit.“ Und führte mich einige Schritte zur Seite.

Ich überlegte angestrengt, wie ich taktvoll deutlich machen könnte, dass ich Frauen eigentlich, nun ja: ansprechender finde. Dann jedoch, irgendjemand musste ihm erzählt haben, was und wer ich bin, sagte er, und es klang wie eine Verheißung, „Ich habe Harry exklusiv für dich“.

Ich erbleichte, denn ich hatte nicht die mindeste Lust auf Harry. Harry hatte eine Broschüre über sich verfertigen lassen, in der überwiegend vom „kleinen Harry“ und dem großen Geld sowie von geilen Weibern die Rede war. Außerdem machte er auf der Bühne immer ein bisschen den Eindruck, als würde ihn das Ganze doch ziemlich langweilen, er war nur der Bassist. Aber sie waren die Puhdys.

Und am Dienstag, 19. November, hätten sie zusammen mit den Fans ihr vermutlich größtes Konzert spielen können, wenn sie noch zusammen spielen würden.

Aber Dieter Birr wollte, so hieß es, lieber Fußball gucken. Es gibt wohl bisschen Krach, wegen, klar, der Kohle. Schließlich, sie haben keinen Möbelmarkt links liegen lassen.

Sie haben die 50 Jahre als aktive Band knapp verfehlt, es wurden nur 47. Aber wirklich Schluss sein wird erst, wenn niemand mehr lebt, der sich melancholisch lächelnd erinnert, wenn diese Musik erklingt.

Dabei, es ist nicht die Musik. Oder doch wenigstens nicht ihre spezifische Qualität. Die war, mit Ausnahmen, doch immer sehr geradeaus. Zwei links, zwei rechts, Volldampf voraus. Es ist so, wenn bestimmte Lieder bestimmte Situationen erinnern. Die Musik, die damals dazu gespielt wurde, sie ruft auch das Gefühl von damals wieder hervor. Und das, dieses junge Lebensgefühl ist, wenn man um sechzig, siebzig ist, in der Regel eine recht angenehme Erinnerung.

Deshalb hielt es die Damen, die Besucherinnen der Konzerte nach der Wende, die die fünf als erste Ziffer ihrer Altersangabe nur mit viel Tapferkeit behaupten konnten, nicht auf ihren Plätzen, deshalb standen sie, versetzten die Hüften in Schwingungen wie einst im Mai und sangen mit aus, symbolisch gesprochen, voller Brust. Und den älteren Herren, die damals ihre Po-wer-Burschen waren, ging es nicht anders.

Irgendetwas müssen die fünf Jungs haben, das Michael Jackson nicht hat: den Stallgeruch der Jugend, die Erinnerung an die Heimatscholle. Und die Jungens wussten, wovon wenn sie leben, wenn sie sangen „Das was einmal war/ist doch mein Leben“. Das ist, wie ein ziemlich dummer Vorwurf gelegentlich lebensfremd unterstellte, keine Idyllisierung der DDR. Es ist aber, und das ist etwas sehr anderes, die Idyllisierung der eigenen Lebenszeit, der eigenen Jugend.

Gewiss, es gab dann Bands im Lande, die waren musikalisch deutlich besser. Es gab aber in den Siebzigerjahren kaum eine Gruppe, die mehr Krach, mehr Energie produziert hätte. Diese berstende Energie, das war ein Wert an sich in dem Land, das Energie und Kraft nur auf vorgeschriebenen Wegen und Geschwindigkeiten duldete, unter exzessiven Gebrauch von Ver- und Gebotsschildern.

Deshalb wohl wäre ich nie auf die Idee verfallen, eines der nachwendischen Alben zu erwerben, aber deshalb auch besitze ich fast sämtliche Platten, die einst bei Amiga erschienen – und einige der später vermarkteten Best-of-CDs auch.

Es ist ja schön, dass die Truppe auch nach 1992, seither gab es sie wieder, neue Titel produzierte, aber um die geht es nicht. Es geht um das abgeschlossene Sammlungsgebiet Deutsche Demokratische Republik, das in gewisser Weise auch ein abgeschlossenes Seelengebiet ist. Erst wenn wir sterben, heißt es in ihrem Song „Lust auf Abenteuer“, sind wir wirklich still. Wenn niemand mehr sich an diese und die anderen Bands erinnern wird, dann ist die DDR wirklich weg. So etwas verbindet.

Nicht, weil diese Darbietungen nun musikalische Delikatessen sondergleichen seien. Nein, es ist, weil diese Lieder die erste und die zweite Jugend ausgestattet haben, und so etwas vergisst sich so wenig wie Wartburg und Linda neutral. Auf Lebenszeit.

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