Ein Salon

Von Mäusen und Menschen

Henryk Goldberg
| Lesedauer: 4 Minuten
Henryk Goldberg

Henryk Goldberg

Foto: ta / TA

Henryk Goldberg betreibt eine kleine Namenskunde als Identitätspolitik.

Mäuschen hat geschrieben. Mäuschen heißt natürlich nicht Mäuschen, kein Mensch heißt Mäuschen und Mäuse gleich gar nicht. Mäuse heißen Fix oder Fax, oder, wenn sie im westlichen Ausland gelebt haben, Micky oder Minnie.

Nicht einmal der Sohn der Dame heißt Mäuschen, der heißt Mäusl, wenigstens manchmal. Mäuschen also ist eine ziemlich junge Frau, schließlich ist sie drei Jahre jünger als ich, und ist auf eine etwas komplizierte Weise Teil dieser Familie, aber das ist eine andere Geschichte. Mäuschen heißt schon immer Mäuschen, ihre Mutter nannte sie so und wir, wir Kinder übernahmen das. Irgendwann hat die junge Frau selbst Kinder bekommen, sie wuchs mit den Jahren, nur der Name, der wuchs nicht mit.

Irgendwann fiel mir auf, dass Mäuschen für eine Mutter erwachsener Kinder vielleicht nicht die passende Anrede ist. Aber sie beim richtigen Namen zu nennen, das fällt mir auch irgendwie schwer, es fühlt sich nicht völlig richtig an, es ist ein bisschen wie ein Verrat an der Kindheit. Mäuschen wiederum nannte meine Mutter, solange die lebte, Tante Anni, das war ihre Kindheit. Und Emil, Mäusls Sohn, nannte mich „Opa Henryk“ bis ihm auffiel, dass die anderen Kinder in der Regel nicht drei Opas haben. Ich bin nicht sicher, inwieweit er versteht, warum der Mann der Oma nicht auch der Opa ist, wohingegen der Mann der anderen Oma tatsächlich ein Opa ist, die Frau des anderen Opas aber keine Oma.

Jegliches, wie die Puhdys sangen und der Prediger Salomo sagte, hat seine Zeit, das gilt wohl auch für Namen. Es ist die Zeit, in der ein Name auf natürliche Weise mit seinem Träger verschmilzt. Eine gute alte Bekannte nannte mich, und tut das heute noch in Briefen und gelegentlichen Telefonaten, beim Nachnamen. Was aus ihrem Mund selbstverständlich klingt, würde mich bei anderen mindesten irritieren. Meine Tante Mascha nannte mich als kleines Kind, warum auch immer, Mucki. Jahrzehnte später habe ich das einer Freundin erzählt, die nannte mich dann so. Nicht, dass das zum eigentlichen Grund der Trennung wurde, aber es fühlte sich falsch an und bemüht.

Meine Eltern, und in der Folge meine Schwester, nannten mich wieder anders. Als meine Schwester mich einmal in einer Redaktionskonferenz im Eifer des rhetorischen Gefechtes bei diesem Namen nannte, da lächelte der damalige Chefredakteur sehr freundlich und schmecke den Namen laut und süffig nach: Er war hier einfach fremd. Die beste Freundin meiner Schwester, eine Kollegin, kannte mich also auch nur unter diesem Familien-Namen. Als diese Kollegin dann später meine Lebensgefährtin wurde, da erwies sie sich, was ich allerdings schon wusste, als sensible Frau durch die Frage, ob ich meinen richtigen Namen bevorzugen würde. Diese Frau wiederum wird in ihrer Familie aus Gründen mit russischen Varianten ihres Namens angesprochen.

Ich kann das nicht, ich kann in gewisser Weise nicht Koseformen übernehmen, die in anderen Zusammenhängen geprägt wurden. Es stimmt halt nicht. Es ist, sozusagen, eine Frage der Identität, der eigenen wie der angesprochenen Person.

Was nun aber Mäuschen schrieb, das stimmt auch nicht, nicht ganz wenigstens. Sie erinnerte sich nämlich, einen Exklusivbericht dieser Zeitung bestätigend, dass ich als Kind sehr weitgehende Pflichten hatte, den großen Abwasch und die kleine Schwester betreffend. Und als Belohnung hätte ich mir den Inhalt einer vorschriftswidrig und konspirativ geöffneten Fischdose hinter dem Vorhang im Flur gegönnt. Daran ist die illegale Öffnung der Dose korrekt. Allerdings befand sich darin kein Fisch sondern Krebsfleisch, was ich widerwärtig fand. Also ließ ich es, wo es war, in der Dose, und ging meinen Obliegenheiten nach. Meine Mutter bemerkte es, weil sich nach einigen Tagen im Flur ein übler Geruch auszubreiten begann. Es war einer jener Tage, an denen ich nicht beim Kosenamen gerufen wurde.

Wie sehr Namen und Begriffe ihre Zeit haben, das belegt dieser
1. Mai. Hier in der Gegend hieß er einst „der internationale Kampftag der Arbeiterklasse“.

Das klingt jetzt beinahe so, als würde mich der Chefredakteur Mäusl nennen.