Die Scham, die wir nicht haben

Warum die Sklaverei die vergessene Seite der brasilianischen Geschichte ist.

Guilherme Becker

Guilherme Becker

Foto: Thomas Bärsch / TA

Vor wenigen Wochen wurde in ganz Europa des Holocaust gedacht. Am 27. Januar 1945 wurde das größte aller Todeslager von der russischen Armee befreit. Überlebende, Behörden und Menschen aus der ganzen Welt erinnern sich an das unerklärliche Massaker von Auschwitz.

Jahr für Jahr sterben die letzten der Überlebenden. Aber es bleibt die Verpflichtung der Lebenden, niemals aufzuhören, Antworten auf die Fragen zu diesem Völkermord zu suchen. Der Kampf für eine weniger ungerechte Welt setzt immer die Kenntnis der historischen Fakten voraus. Nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt.

In meiner Abschlussarbeit an der Universität recherchierte ich die Konsequenz des Zweiten Weltkriegs in Südbrasilien, einem Ort mit vielen deutschen Kolonien. Mit einer nationalistischen Kampagne der brasilianischen Regierung wurde die deutsche Sprache verboten. Menschen, die Deutsche waren oder deutscher Abstammung waren, wurden verfolgt. Sie wurden des Nationalsozialismus beschuldigt, ob sie nun Nazis waren oder nicht.

Viele von ihnen wurden ohne formelle Anklage verhaftet. Man brauchte nur Deutsch zu sprechen oder eine Bibel, ein Buch oder ein Bild in deutscher Sprache zu Hause zu haben, um verhaftet zu werden. Das Leiden war groß. Dasselbe geschah mit den italienischen und japanischen Siedlern, die mit diesem Konflikt nichts zu tun hatten. Mehrere Familien wurden vor allem in den letzten drei Jahren den Krieg getrennt.

Ich war 2006 zum ersten Mal in Deutschland. Da ich den Zweiten Weltkrieg studiert habe, dachte ich, dass ich in ein Konzentrationslager gehen sollte. Ich war in Sachsenhausen, in Berlin. Eine harte Aufgabe. Ich hatte einen deutschen Freund von mir eingeladen, mitzukommen. Aber er sagte: “Nein, danke. Ich war schon in diesen Orten…” Das habe ich nie vergessen. Der Satz meines Freundes machte mich damit vertraut, wie Deutschland arbeitet, um nicht den größten seiner Fehler zu wiederholen.

Oft ist die Geschichte grausam, aber sie muss an die folgenden Generationen weitergegeben werden. Im Gegensatz zu Deutschland geschieht dies in Brasilien nicht so stark. Die derzeitige Regierung relativiert zum Beispiel die Militärdiktatur, die zwischen 1964 und 1985 viele Menschen getötet und gefoltert hat. Aber das Schlimmste davon ist zweifellos die Sklaverei.

Zwischen 1540 und 1850 wurden fast fünf Millionen Sklaven aus Afrika nach Brasilien gebracht, vor allem zur Arbeit auf den Kaffeeplantagen, auch mit Zucker und Gold. Das waren mehr als doppelt so viele wie die gesamte heutige Bevölkerung Thüringens. Weitere 600.000 Menschen starben unterwegs bei den unmenschlichen Fahrten in den Sklavenschiffen. Die Abschaffung der Sklaverei wurde 1888 verkündet - Brasilien war das letzte Land, dass dies in ganz Amerika tat. Es wirkt wie eine ferne Zeit, aber sind 132 Jahre gegen mehr als 340 der Sklaverei. Und was hat man seither getan? Sehr wenig.

Mit Weißen, Schwarzen, Braunen und Ureinwohnern, ist Brasilien bekannt als ein Land netter, gastfreundlicher und offener Menschen. Zum Teil ist das wahr. Aber es gibt noch viel Rassismus, der in den Tiefen der Gesellschaft verankert ist.

Direkt nach dem Ende der Sklaverei, zum Beispiel, es gab einen positivistischen Versuch, die Beweise für die Sklaverei zu beseitigen. Zahlreiche Dokumente mit Daten über Sklaven und ihre Vorfahren wurden nach Beendigung der Sklaverei einfach verbrannt. Die Sklaven wurden ohne jegliche Wiedergutmachung befreit. Kein Stück Land und keine Tiere, um das Leben zu anfangen. Meine hingegen Vorfahren waren deutsche Siedler. Ja, sie waren arm, aber sie erhielten ein kleines Stück Land und einige Tiere.

Das ist einer der Gründe, warum Brasilien eine sehr arme schwarze Bevölkerung hat. Die Ungleichheit ist enorm. Im 2012 wurde ein neues Gesetz erlassen, die “Quoten-Politik”. Dieses Gesetz erleichtert armen Jugendlichen (die meisten sind schwarz) den Zugang zu öffentlichen Universitäten. Es war ein wichtiger Schritt, aber im Vergleich zu 340 Jahren Sklaverei ist das immer noch sehr wenig.

Es ist sehr schwierig, sich nur vier oder fünf Generationen nach der Sklaverei finanziell und sozial zu entwickeln. Das Ergebnis: Schwarze haben sich in den Favelas angesammelt. Ohne ausreichende Möglichkeiten landen viele junge Menschen in der Welt der Kriminalität.

Die Sklaverei ist die vergessene Seite der brasilianischen Geschichte. Von den Hunderten von Bauernhöfen mit “Senzalas” – das waren die Schuppen, in denen die Sklaven in Haufen lebten – bewahren nur wenige die Erinnerung an diese schrecklichen Zeiten. Selten öffnen sich die Türen zu einem historischen Tourismus, der viel für heutige und zukünftige Generationen lehren kann und soll. Wer die Vergangenheit ignoriert, vergisst seine eigene Geschichte und seine eigenen Fehler. Und erhält eine ungerechte und ungleiche Gegenwart.