Herr Becker aus Brasilien: Zeiten der Unsicherheit

Radikalismus gibt es in Brasilien und Deutschland - aus unterschiedlichen Gründen, aber mit ähnlichen Folgen.

Guilherme Becker

Guilherme Becker

Foto: Thomas Bärsch / TA

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Brasilien und Deutschland sind sehr unterschiedlich: Geografie, Geschichte, Klima. Bildung, Gesellschaft, wirtschaftliche und menschliche Entwicklung. Das ist keine Neuigkeit. Ich sage ohne Zweifel: Deutschland ist in allem besser als Brasilien. Okay, vielleicht kann Deutschland beim Wetter nicht mithalten.

Ich schreibe das nicht, um zu gefallen. Die Fakten lügen nicht. Im letzten HDI-Ranking (Index der menschlichen Entwicklung), welches im Dezember veröffentlicht wurde, erscheint Deutschland auf Platz 4, hinter Norwegen, der Schweiz und Irland. Brasilien liegt an 79. Stelle.

Aber es gibt ein Phänomen, das in Brasilien und Deutschland in den letzten Jahren gleichermaßen zu beobachten ist: die politische Polarisierung. Die Reden von Politikern und Wählern werden immer aggressiver. Rassistisch. Fremdenfeindlich.

Als ich das erste Mal Deutschland besuchte, war dies noch ganz anders. Als ich im August 2006 nach Berlin kam, sah ich eine bunte Stadt, die sich immer noch im “Sommer der Liebe” befand, der während und nach der Fußball-Weltmeisterschaft andauerte. Auch in Brasilien war die Atmosphäre unter Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva noch optimistisch. Er würde am Ende 2006 wiedergewählt werden.

Es ist beängstigend, das Wachstum rechtspopulistischer Parteien zu sehen

Ich bin nach der Militärdiktatur, die von 1964 bis 1985 dauerte, in einem demokratischen Brasilien aufgewachsen, trotz aller Instabilitäten. Und ich sah in Deutschland den klaren Willen, die Fehler und Verbrechen der vergangenen Jahrzehnte nie zu wiederholen. Doch nun ist es beängstigend, das Wachstum rechtspopulistischer Parteien zu sehen. Nicht nur in Deutschland und Brasilien, sondern überall auf der Welt.

Ich weiß, dass Rechts nicht automatisch Rechstextremismus oder gar Nationalsozialismus bedeutet. Rechte Parteien können demokratisch sein. Das Problem liegt in der Haltung vieler Politiker und Wähler dieser Parteien: Sie nennen sich demokratisch, aber sie verhalten sich nicht immer so. Dies funktioniert vor allem in Bezug auf Kritik aus der Presse oder von Gegnern. „Wenn du nicht bei mir bist, liegst du entweder falsch oder lügst“, sagen sie - normalerweise beschuldigt die Rechte in Brasilien Journalisten und Gegner als „Kommunisten“ oder „Sozialisten“.

Im Jahr 2019 wurden 208 Angriffe auf Journalisten in Brasilien gemeldet. Präsident Jair Bolsonaro war für 121 davon selbst verantwortlich. Die Mehrzahl waren Beleidigungen und Unhöflichkeiten, die für die höchste Autorität eines Landes nicht akzeptabel sind. Es gibt auch die Erleichterung des Einsatzes von Waffen und der Aufstachelung zu Angriffen auf Homosexuelle, Schwarze und Ureinwohner. Ganze indigene Gebiete sind für die Landwirtschaft und den Handel mit Holz und Mineralien verwüstet.

Wachsen die Wirtschaft und auch die Zahl der Arbeitsplätze? Ja. Aber in einem Land mit über 12 Millionen Arbeitslosen und einer schlimme Rezession, ist das auch nicht so schwer. Der Preis, den die Demokratie dafür zahlen muss, ist zu hoch.

Ein klarer Fall von Autoritarismus

Der neueste Fall: Der amerikanische Journalist Glenn Greenwald, Pulitzer-Preisträger im WikiLeaks-Fall, wurde von der Staatsanwaltschaft wegen der Veröffentlichung kompromittierender Aufnahmen von Regierungsmitgliedern angeklagt. Zuvor wurde gegen ihn nicht einmal ordentlich ermittelt. Ein klarer Fall von Autoritarismus.

Im Dezember wurde in Rio de Janeiro eine berühmte Produktionsfirma von einem Mann mit Molotowcocktails angegriffen. Der Angreifer war ein Mitglied von Bolsonaros Partei (derzeit ist Bolsonaro ohne Partei). Das Motiv des Angriffs: in der Weihnachtsepisode hatte die Produktionsfirma ein Video gedreht, in dem Jesus in den 40 Tagen, die er in der Wüste war, ein homosexuelles Erlebnis hatte. Eine Satire. Ich habe die Episode gesehen. Es war keine große Sache. Es ist nur schlimm. Und manchmal ist es ein bisschen lustig. Eine Satire, die von der Justiz nach ein paar Tagen aus dem Netflix-Programm genommen wurde.

Im Januar musste der Kultursekretär entlassen werden, weil er auf Twitter ein Video Preis veröffentlich hat. Mit Richard Wagners Lohengrin im Hintergrund, sagte der Sekretär, dass “die brasilianische Kunst des nächsten Jahrzehnts heroisch und national sein wird (...) - oder wird nichts sein.” Dieselben Worte wurden am 8. Mai 1933 im Hotel Kaiserhof in Berlin gesagt. Der Autor? Joseph Goebbels. Dieser Satz ist in dem Buch Joseph Goebbels: Biographie, des deutschen Historikers Peter Longerich erhalten.

In Deutschland stellen rechtsextreme Flügel von Parteien den Holocaust in Frage. Die Angriffe auf Politiker und Minderheiten nehmen zu, auch Morde. Die Wähler schreien, dass die Presse lügt, indem sie den Slogan „Wir sind das Volk“ missbrauchen. Opposition gibt es vor allem gegen die Einwanderungspolitik aus dem Nahen Osten.

Immer mehr Menschen wählen die Rechtspopulisten

Aber warum wählen immer mehr Menschen die Rechtspopulisten? Meine Erklärung für Brasilien: die großen Korruptionsfälle der Arbeiterpartei, die 14 Jahre lang in Regierung war, führten zu großen politischen und wirtschaftliche Krisen. Dann kommt ein Mann mit seinen tausend Versprechen und seiner radikalen Rede. Die Menschen glauben das, weil sie Radikalismus als eine Lösung sehen.

In Deutschland ist der Grund für den Erfolg der AfD nicht Korruption oder Gewalt, so wie in Brasilien. Mir scheint, dass sich die Probleme hier mehr auf die Einwanderung konzentrieren, auf die daraus resultierende Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, auf das Einkommen, das in den letzten Jahren nicht viel gestiegen ist (obwohl es stabil bleibt), und vor allem auf die fehlende Vertretung durch die traditionellen politischen Parteien - die Parteien, die mehr in der Mitte des politischen Spektrums stehen.

Und so mag der Aufstieg des politischen Radikalismus in Brasilien und Deutschland unterschiedliche Gründe haben. Aber die Ergebnisse dieses Prozess können sehr ähnlich sein.

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