Herr Becker aus Brasilien: Zurück ins Land der Vorfahren

Nur wenige Menschen hierzulande wissen, dass in Brasilien viele Menschen mit deutschen Wurzeln leben.

Guilherme Becker lebt seit September 2018 in Deutschland.

Guilherme Becker lebt seit September 2018 in Deutschland.

Foto: Thomas Bärsch / TA

Bom dia. Guten Tag. Ich heiße Guilherme Becker. Trotz meines Nachnamens, nein, ich komme nicht aus Deutschland. Mein Heimatland ist für die meisten dieses fremde und unbekannte Paradies, das 23,8-mal größer als Deutschland ist. Brasilien, ein Land, das normalerweise für Bossa Nova, Samba, Fußball, unendliche Hitzewellen im Sommer und den Amazonas bekannt ist. Aber auch für endlose wirtschaftliche, politische und soziale Probleme.

Konkret komme ich aus Südbrasilien, ein besonderes Gebiet, wo “Churrasco” (Grill, auch immer mit Wurst und Kartoffelsalat) das traditionellste Gericht ist, und Minustemperaturen im Winter keine Seltenheit sind. Ich mache ein Masterstudium in Politik, Gesellschaft und Kultur von Europa in Göttingen. Derzeit absolviere ich ein Berufspraktikum bei der Funke Mediengruppe in Erfurt. Bis Ende März werde ich über verschiedene Themen schreiben. Von Politik zum Fußball - aber keine Kommentare über das 7-1 bei der Weltmeisterschaft 2014...

Ein bisschen von der Geschichte meiner Region erzählen

Natürlich habe ich schon mit vielen Deutschen gesprochen. Nur wenige wissen, dass Südbrasilien auch von mehreren deutschen Kolonien gebildet wurde. Deshalb möchte ich ein bisschen von der Geschichte meiner Region erzählen. Ich komme aus einer Stadt, die Novo Hamburgo heißt, also auf Deutsch Neu Hamburg. Früher hieß es Hamburgerberg, weil die ersten Einwanderer die Häuser im oberen Teil der Stadt gebaut haben.

Aber die Frage steht: Warum sind fast 260.000 Deutsche (genau 258.342, nach Angaben des brasilianischen Instituts für Geografie und Statistik), insbesondere nach Südbrasilien, zwischen 1824 und 1930 ausgewandert?Ab 1808 hat die Angst vor dem Einmarsch Napoleons in Portugal zur Flucht des gesamten portugiesischen Königshauses nach Brasilien geführt. Ein paar Jahre später hat der Sohn von König Johann VI, Dom Pedro I, die Herrschaft über Brasilien übernommen, und am 7. September 1822 proklamierte er die Unabhängigkeit von Portugal. Seine Frau, Kaiserin Leopoldine, war Österreicherin.

Südbrasilien war leer. Die weite Region wurde ständig durch das Spanische Reich (Uruguay und Argentinien) bedroht. Das Portugiesische Reich wollte deshalb Menschen mit militärischer und beruflicher Erfahrung, auch weiße Menschen. Am Ende waren die meisten der ersten deutschen Einwanderer Landwirte, die unter der Industrialisierung in Europa und der daraus resultierenden Landflucht gelitten haben. Sie waren arm und hatten keine Hoffnung mehr.

Die ersten 39 Einwanderer kamen am 25. Juli 1824 in der Colônia (Kolonie) de São Leopoldo (zu Ehren der Kaiserin Leopoldine) an. Die Stadt liegt in der Nähe von Novo Hamburgo, mehr als 1500 Kilometer südlich von Rio de Janeiro.

Einwanderer aus dem Hunsrück und aus Pommern

Nach Südbrasilien kamen die Einwanderer des 19. und des 20. Jahrhunderts vor allem aus dem Hunsrück (Rheinland-Pfalz) und aus Pommern - aber auch aus Thüringen. Die Dialekte sind in einigen Städten Südbrasiliens noch heute zu hören. So war es immer sehr normal für mich, dass meine Großeltern Deutsch sprachen, ihre Muttersprache. Die portugiesische Sprache haben sie nur in der Schule gelernt.

Ab 1942 war die deutsche Sprache in ganz Brasilien verboten, wegen einer nationalistischen Kampagne der brasilianischen Regierung. Der Grund? Der Eintritt Brasiliens in den Zweiten Weltkrieg. Also haben die folgenden Generationen den Kontakt zum Deutschen verloren.

Meine enge Verbindung zu Deutschland begann vor allem nach den Nachrichten vom 9. November 1989. Ich konnte nicht verstehen, warum so viele Menschen aufgeregt auf einem riesigen Betonblock feierten. Ich begann Geschichtsbücher zu lesen, und studierte Journalismus.

Seit September 2018 bin ich im Land meiner Vorfahren. Ich freue mich auf Erfurt. Und auf andere Regionen Thüringens, die ich kennenlernen kann.