Kunstpause: An der Saale schillerndem Strande

Frank Quilitzsch sorgte bei der Manuskriptwanderung für den geistigen Beistand.

Frank Quilitzsch.

Frank Quilitzsch.

Foto: Andreas Wetzel

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Wir stehen in Wanderschuhen abmarschbereit vorm Hotel Thüringer Hof, und Antje B. blickt mich flehend an.

„Nimmst du die Flasche?“

„Wie groß ist sie denn?“

„Ziemlich groß.“

Ich denke an mein lädiertes Knie, sage aber laut: „Sehr gern.“

Es geht über Stock und Stein, von Rudolstadt hinauf zur Schillerhöhe. Bei jedem Schritt gluckst es leise in meinem Rucksack. Das Knie macht sich bemerkbar, doch ich lächle tapfer.

Die Flasche zu tragen, ist keine Last, sondern eine Ehre. Wenn Thüringer Schriftsteller wandern, wandert stets ein edler Tropfen mit. Mal ein vollmundiger Roter aus der Rhön, mal ein Klarer aus Nordhausen. Diesmal ist es ein irischer Whiskey. Antje hat ihn von ihrem Urlaub auf der grünen Insel mitgeschleppt. Es ist ein ganz spezieller Trunk, eigens für uns aus irischem Pot Still Whiskey und Single Malt kreiert: „Writer’s Tears“ steht auf dem Etikett. Keine Ahnung, wie man Schriftstellertränen destilliert, doch geheult haben wir alle schon mal über unseren Schreibversuchen.

Erste Trinkpause vor der Kirche in Oberpreilipp. Ich strecke das schmerzende Bein aus, öffne den Rucksack und lasse die Flasche kreisen.

Der Whiskey sickert samtig die Kehle hinab und lockert die Stimmbänder. Wie gesagt, wir hatten schon die verschiedensten geistigen Getränke dabei. Viele Jahre hintereinander auch Hans-Jürgen D.’s Magenbitter aus dem Eichsfeld. Ach, wie sehr vermissen wir den Mundschenk mit seinem silbernen Flachmann und krächzenden Lachen!

Schweigend trinken wir auf unseren verstorbenen lebenslustigen Kollegen. Dann weiter auf Schillers Spuren, immer an der Saale entlang.

Schnell noch ein Schluck, bevor im Volkstedter „Anker“ ein reizendes Fräulein die Klöße serviert. Schiller hatte es gut, er wurde von zwei jungen Frauen gleichzeitig verwöhnt.

Am Nachmittag sind wir wieder in Rudolstadt und besuchen den Tatort der Ménage à trois, das ehemalige Heim der Lengefeld-Schwestern, heute städtisches Schillerhaus. Angesichts der ganz in Rot gewandeten Leiterin Daniela D. wage ich es nicht, die Flasche aus meinem Rucksack zu ziehen. Wir trinken erst wieder auf dem literarischen Stadtrundgang mit Matthias B.

Die Flasche ist wirklich sehr groß, aber schon viel leichter.

„Sei nicht zu spendabel“, rügt mich Antje B. „Wir brauchen noch was für die Manuskriptdiskussion.“

Das ist der Hauptpart unserer jährlichen Autorenwanderung. Wer sich traut, liest am Abend zehn Minuten aus einem seiner noch unfertigen Werke vor, und die anderen fallen in Marcel-Reich-Ranicki-Manier über ihn her.

Die zur Diskussion gestellten Manuskripte ernten vorwiegend Lob. Doch es fließen auch Tränen der Enttäuschung.

Trostschnaps gefällig?

„Writers’s Tears“ hilft, Schreibblockaden zu lösen.

Gegen Mitternacht ist der Whiskey alle, und niemand mag mehr lesen.

Was nun? Flaschendrehen?

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