Kunstpause: Bitte ignorieren Sie, was wir sagen!

Frank Quilitzsch sitzt als Bahnreisender meist im falschen Zug.

Frank Quilitzsch.

Frank Quilitzsch.

Foto: Andreas Wetzel

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Der Flieger landet pünktlich, auch die Koffer sind da. Nun nur noch in den ICE, und in drei Stunden sind wir bequem zu Hause.

Pustekuchen! Kurz bevor der Zug am Frankfurter Flughafen einfährt, heißt es, er halte heute nicht auf dem Hauptbahnhof. Dort aber wartet unser Anschluss nach Erfurt. Weit und breit niemand, der einem weiterhilft. Als der ICE einfährt, stürze ich mich auf die Schaffnerin. Kein Halt, bestätigt sie. Oberleitungsschaden. Aber vom Terminal 1 führen Busse.

Mit drei Koffern und kaputtem Knie die Stufen wieder hoch. Die Rolltreppe ist außer Betrieb. Vorm Terminal stehen nur Shuttle-Busse zum Flughafenhotel.

„Nach Frankfurt? Aber doch nicht heute!“Ausgerechnet heute streiken die Busfahrer. Inzwischen ist auch die ­S-Bahn weg. Auf zum Info-Stand der Deutschen Bahn.

Treppen hoch, Treppen runter, denn auch hier rollt nichts. Irgendwo ist sicher ein Lift, doch den müsste man erst suchen.

„Nach Erfurt? Tut mir leid, heute Abend nicht mehr . . . Oberleitungsschaden . . .“ Wieso? Es ist doch gar kein Sturm! Bedauerndes Schulterzucken.

Wir dürfen uns wieder ein Hotel suchen, bis zu 80 Euro pro Person übernehme die Bahn.

Das letzte Mal hatten die Lokführer gestreikt, es war Messe und im Umkreis von 20 Kilometern kein Bett mehr frei. Diesmal haben wir Glück. Wir übernachten in Bahnhofsnähe und entscheiden uns für den Neun-Uhr-Zug. Der steht pünktlich am überfüllten Bahnsteig, doch mit geschlossenen Türen. Keine Durchsagen. Dass auch dieser ICE nicht fahren wird, merkt man daran, dass sich die wartende Menge plötzlich in Bewegung setzt. Mittendrin Bahnbeamte, die auf ihren Smartphones tippen, aber auch nichts Genaues wissen. Wir werden auf einen anderen Bahnsteig vertröstet. Der Zug dort ist verspätet und brechend voll, doch er fährt wenigstens.

Im Durchschnitt seien 74,9 Prozent aller ICE-Züge pünktlich, lese ich. Warum sitze ich immer im falschen? Und was heißt eigentlich Oberleitungsschaden? Dass in der Oberleitung der Deutschen Bahn, ihrem Management, etwas nicht stimmt?

Da schlug auch mal ein gewisser Hartmut Mehdorn Funken, der dann den mittlerweile seit 13 Jahren im Bau befindlichen Berliner Großflughafen eröffnen wollte. Gerade haben die Chinesen in Peking ihren neuen Super-Airport eingeweiht – nach nur vier Jahren Bauzeit!

Im Zug erzählt man sich Anekdoten über die Deutsche Bahn, die in diesem Frühjahr ein neues Pünktlichkeitsziel von 76,5 Prozent verkündet hat. Einmal war im ICE die Sprechanlage teilweise gestört, und der Zugbegleiter rief: „Diese Durchsage ist an alle, die mich hören!“ Dann widersprachen die Durchsagenden einander, bis es hieß: „Bitte ignorieren Sie alles, was wir gesagt haben!“

Nach 19 Stunden sind wir am Ziel. Dass bei unserer Ankunft die Erfurter Straßenbahn nicht fährt, geht nicht auf die DB-Kappe. Die Thüringer Bauern demonstrieren, da rollen wir mit unseren Koffern gerne mit.

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