Kunstpause: Stürzt Shakespeare vom Sockel!

Frank Quilitzsch fragt sich, wie rassistisch und frauenfeindlich er ist.

Frank Quilitzsch

Frank Quilitzsch

Foto: Andreas Wetzel

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Zehn kleine Negerlein, die tranken einmal Wein, der eine, der verschluckte sich, da war’n es nur noch neun…“

Ich habe mir noch mal den Film „Geheimnis im blauen Schloss“ angeschaut. Bestimmt wird er bald auf dem Index landen. Der Streifen von 1965 basiert auf einem Roman der britischen Kultautorin Agatha Christie, einer, wie man heute sagen würde, eingefleischten Rassistin. Der Originaltitel lautet „Ten Little Niggers“ – zu Deutsch: „Zehn kleine Negerlein“ – und ist der meistverkaufte Krimi der Welt.

Der Regisseur der Christie-Verfilmung, Georg Pollock, versuchte zwar, die menschenverachtende Wirkung des Abzählreims zu mildern, indem er „Nigger“ durch „Indians“ (Indianer) ersetzte, was die Sache auch nicht besser macht. Und Mario Adorf… – Mensch Mario, warst du von allen guten Geistern verlassen, dass du in diesem Schmutzwerk mitspielen musstest?!

Eigentlich sollte ich ganz still sein, denn mir gefällt der Film immer noch. Aber was soll ich machen? Ich mag auch Eugen Gomringers Liebesgedicht „Blumen und Frauen“, das für einige Zeit von der Genderpolizei als frauenverachtend von der Hauswand getilgt wurde. Ich liebe den Gewalt verherrlichenden, antisemitischen William Shakespeare, der in „Othello“ einen „Mohren“ des Meuchelmords bezichtigt und in „Der Kaufmann von Venedig“ einen Juden als Christenfresser enttarnt. Ich kann euch sagen, wo sein Denkmal steht: in Weimar! Dort thronen auch noch Goethe und Schiller auf dem Sockel.

In Virginia haben sie im Anti-Rassismus-Kampf den Eroberer Kolumbus in einen Teich gestürzt und durch ein Schild mit der Aufschrift „Kolumbus steht für Völkermord“ ersetzt. Hätte man dieses Schild nicht auch vor dem Denkmal aufstellen können? In anderen US-Städten und in Großbritannien findet die Bilderstürmerei eifrige Nachahmer. Und in Deutschland wird der Ruf laut, poetische Werke der Gegenwart und der Literaturgeschichte von jeder Art Makel zu säubern. Säuberungen haben noch nie Gutes bewirkt. Man könnte die Werke, Vernunft vorausgesetzt, auch kritisch kommentieren.

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