Kunstpause: Wie Paul-Greta die Umwelt schonte

Frank Quilitzsch würdigt seinen Großvater posthum als Klima-Aktivisten.

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Immer wenn ich Neues über die Umweltaktivistin Greta Thunberg erfahre, sehe ich meinen Großvater Paul vor mir. Geboren 1905 in Mühlbeck bei Bitterfeld. Gestorben 1990 in Mühlbeck bei Bitterfeld. Nun, er lebte im vergangenen Jahrhundert, als man das ganze Ausmaß des Klimawandels noch nicht erahnte. Dennoch hat er, aus heutiger Sicht, vieles richtig gemacht. Ich würde sogar behaupten, dass er, nach seinen Möglichkeiten, weitgehend ein klimaneutrales Leben lebte. Greta Thunberg wäre begeistert.

Nennen wir meinen Großvater ehrenhalber Paul-Greta. Paul-Greta Q. – Umweltaktivist von Mühlbeck bei Bitterfeld.

Obwohl er in einem der von Chemie und Braunkohle verseuchtesten Gebiete Deutschlands lebte, kann sich Paul-Gretas persönliche Klimabilanz sehen lassen. Fridays for Future? Nicht nur freitags, Großvater schonte die Umwelt täglich – sieben Tage die Woche.

Hier ein paar Eckdaten:

Im Haushalt meiner Großeltern gab es so gut wie keine Plastetüten oder Plaste­flaschen. Okay, einen Trinkbecher aus Hartplaste, den man teleskopartig zusammenschieben konnte. Das war der Renner beim Kindergeburtstag.

Eingekauft wurde mit Ledertasche, Stoffbeutel oder Brotnetz. Wenn überhaupt, denn sie waren Selbstversorger.

Shoppen ging Paul-Greta nur alle zwei, drei Jahre in der Kreisstadt. Da wurde eine Hose oder ein neuer Blaumann gekauft. Neue Schuhe alle zehn bis zwölf Jahre. Ein Mantel hielt fürs ganze Leben.

Das Wasser kam nicht aus der Leitung, sondern aus der Hofpumpe – Handbetrieb.

Gedüngt wurde ausschließlich bio, wozu die Grube hinter dem Plumpsklo ausgeschöpft wurde.

Opa Paul-Greta hatte kein Auto, er legte alle Strecken CO2 -frei mit dem Fahrrad zurück; bis zu fünfzig Kilometer durch die Dübener Heide. Taxifahrten verboten sich, da ohnehin zu teuer.

Allerdings gibt es Abzüge wegen der Nutzung fossiler Brennstoffe. Großvater hat den Küchenherd, den Waschkessel und die Gute Stube mit Holz und Kohle beheizt – das war alternativlos.

Dennoch behaupte ich, dass mein Großvater in seinem ganzen Leben weniger CO2 erzeugt hat als Greta Thunberg am Tag ihrer Abreise nach New York, als Dutzende Journalisten zu ihr ins südenglische Plymouth düsten. Großvater war kein Medienstar. Wegen ihm ist nie jemand nach Bitterfeld geflogen.

Paul-Greta Q. ist überhaupt nur zweimal in seinem Leben geflogen: 1965, um uns in Moskau zu besuchen, und etwa zehn Jahre später noch einmal, um als Veteran die Wolga hinab zu schippern.

Nun, mein Großvater konnte die globale Erwärmung natürlich auch nicht verhindern, hat aber de facto mehr zur Umweltschonung beigetragen als die meisten Klimaaktivisten von heute.

Natürlich will keiner ins 20. Jahrhundert zurück. Aber Schule schwänzen und fürs Klima segeln allein wird nicht reichen. Was wir Heutigen von meinem Großvater lernen können? Maß halten. Bescheidenheit üben. Nicht unnötig Wachstum befördern. Gern würde ich Greta den Ehrennamen Paul verleihen.

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