Kunstpause: Warum raus aus meiner Haut?

Frank Quilitzsch möchte trotz allem nie ein anderer sein.

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Neulich geriet mir ein Jugendbuch von David Levithan in die Hände, in dem ein Sechzehnjähriger jeden Tag im Körper eines anderen erwacht. Er muss dann 24 Stunden in dieser fremden Haut leben, mit allen Überraschungen und Ärgernissen, die das mit sich bringt, und am Morgen darauf ist er schon wieder ein anderer. Wie das technisch funktionieren soll, verrät der Autor nicht. Aber auch die Himmelfahrt ist ja noch nicht hinreichend erforscht.

Ein Glück, dass ich dieser Junge nicht bin. Abgesehen davon, dass ich mir das anstrengend vorstelle, täglich ein anderer sein zu müssen, spätestens nach einem Jahr würde ich Eltern, Adressen, Handynummern und Freundinnen verwechseln und ein riesiges Chaos stiften. Und, bitteschön, wie soll man in so kurzer Zeit herausbekommen, wer dieser Fremde überhaupt ist, den man gerade vertritt? Ich bin ja schon froh, mich nach 62 Jahren einigermaßen selber zu kennen. Wie gut? Na, lassen wir das… Und selbst an mein Gesicht habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Als mich nach meinem Fahrradsturz die HNO-Ärztin fragte, ob auch die Nase gerichtet werden solle, sagte ich: Nein, die war vorher schon schief. Ganz ehrlich, ich sehe keinen Grund, aus meiner Haut zu fahren. Nicht, dass ich mich darin immer wohlfühle, aber es ist halt die Hülle, die ich von Vater, Mutter und der ganzen Evolutionskette vor ihnen geerbt habe.

Auch auf Seelenwanderung habe ich keine Lust. Was bringt mir die Vorstellung, vor 500 Jahren schon mal auf dieser Welt gewesen zu sein, womöglich als Dachs oder Regenwurm? Könnte ich es mir aussuchen, würde ich mir zum Wirtstier eine Katze wählen. Aber was, wenn nun, ein kleines bisschen weiter gedacht, in dieser Katze bereits die Seele meiner Urenkelin steckt? Was wird sie dereinst über mich berichten?Und last but not least sind da noch die Transhumanisten, die darauf hoffen, dass ihr begrenzter Geist eines Tages in einem Computer hochgeladen wird. Dann könnten sie über ihren biologischen Tod hinaus in einer Maschine weiterexistieren und bis zum Sankt-Nimmerleinstag durchs Universum reisen. Um Himmels Willen, Hände weg von meiner Matrix! Da möchte ich doch lieber in einer Maus gefangen sein.

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