Problemzonen: Torte gegen Rotkraut

Elena Rauch über Tauschhandel in Corona-Zeiten.

Elena Rauch

Elena Rauch

Foto: Andreas Wetzel

Die ersten Januartage sind bei uns traditionell geprägt von einem Überangebot an Resten elterlicher Festtagsküche. Gerecht zwischen Kindern und Enkeln aufgeteilt und liebevoll von Mutterhand vertuppert, harren sie im Permafrost des heimischen Kühlschranks auf ihre Erweckung in der Mikrowelle. Manchmal feiern wir damit im März noch einmal Weihnachten. Aber ach, in diesem Jahr fällt auch das aus. Wo kein großfamiliäres Gelage, da auch keine Reste, die zu konservieren es sich lohnt.

Dafür führte die coronabedingte Zersplitterung der Familienfeste zu einem hochkomplexen Ringtausch von Naturalien. Das Phänomen erinnerte ein wenig an die Substitutionswirtschaft der Jäger und Sammler, nur dass nicht Mangelangebot schuld war, eher das Gegenteil.

Irgendwie wurde überall zu viel gekocht: Die vier Rouladen nehmen wir gern, aber nur, wenn ihr etwas von unserem Rehbraten übernehmt, sprach die Schwägerin. Die Klöße von Opa essen wir morgen, heute sind die Serviettenknödel von M. an der Reihe, whatsappte die Tochter. Zwiebelkuchen gegen eine halbe Quarktorte, eine Flasche Rioja gegen Sekt vom Rotkäppchen… Die Übergaben fanden an Haustüren oder im sanften Schein der Feuerstelle im Garten statt. Nur mein Bruder ging leer aus, der wohnt in Sachsen.

Die letzte Transaktion nahmen wir am Silvestertag vor. Eigentlich war ein gemeinsamer Abend geplant, die Tafel gedeckt, das Menü bereitet, stattdessen brachen die potentiellen Gastgeber in die nächstgelegene Teststelle auf. In Zeiten wie diesen muss man vom Ernstfall ausgehen, der es dann nicht war, aber das teilte das Gesundheitsamt erst im Neuen Jahr mit.

Ihr müsst, sprach die Freundin traurig am Telefon, die Hälfte der Suppe holen, was sollen wir jetzt damit. Die heiße Ware wurde unter größten Sicherheitsvorkehrungen und maskiert über den Gartenzaun gereicht, im Tausch gegen zwei Einheiten Knoblauchsoße.

Jetzt ist die Zeit der Fülle vorbei, jeder kocht wieder für sich allein. Zurück bleibt eine bunte Auswahl von Plastikdosen und anderem Leergut verschiedenster Herkunft und Fabrikation, die den Familienverband wie ein unsichtbares Netzwerk zusammenhält. Vielleicht feiern wir ein großes Rücktauschfest zu Ostern.