Die Strickfrauen von Dornburg: Nadeln tanzen in großer Runde

Dornburg.  Selbst gemacht In Dornburg treffen sich immer freitags die Strickfrauen. Sie pflegen damit ihr Hobby und eine Tradition

Elfriede Brauer, Hildegard Leudolph und Annemarie Dulich (v.r.) gehören zu den Dornburger Strickfrauen, die sich regelmäßig freitags alle zwei Wochen in der Bibliothek treffen. Sie bestricken nicht nur Kinder und Enkel, sondern auch Neugeborene des Jenaer Uni-Klinikums, die Puppen der städtischen Kindergärten oder den Osterbrunnen ihrer Heimatgemeinde. 

Elfriede Brauer, Hildegard Leudolph und Annemarie Dulich (v.r.) gehören zu den Dornburger Strickfrauen, die sich regelmäßig freitags alle zwei Wochen in der Bibliothek treffen. Sie bestricken nicht nur Kinder und Enkel, sondern auch Neugeborene des Jenaer Uni-Klinikums, die Puppen der städtischen Kindergärten oder den Osterbrunnen ihrer Heimatgemeinde. 

Foto: Angelika Schimmel

„Ich stricke meist abends beim Fernsehen. Aber eigentlich läuft der Fernseher dann nur, damit ich jemanden reden höre und mich nicht allein fühle“, sagt Elfriede Brauer. Und während sie so nebenbei den Talkrunden lauscht oder den Ermittlungen der Fernsehkommissare folgt, wächst in ihrem Händen die Strickarbeit Reihe um Reihe. „Man muss da meist gar nicht mehr hinschauen, die Finger wissen von alleine, was sie zu tun haben“, erzählt die 78-jährige Dornburgerin.

So wie ihr geht es auch Annemarie Dulich, Hildegard Leudolph und einigen anderen ihrer Freundinnen. Aus einem Knäuel bunter Wolle mit Geschick etwas Schönes und Nützliches werden zu lassen, das ist für ein gutes Dutzend Dornburger Damen ein lieber Zeitvertreib. Am liebsten gehen sie dem jedoch in Gesellschaft nach. Seit gut vier Jahren treffen sich die Dornburger Strickfrauen deshalb alle 14 Tage freitags in der Bibliothek am Markt.

Schon in den 1930er Jahren für Apoldaer Strickereien gearbeitet

Zwischen Regalen voller Krimis, Liebesromane und Gartenbüchern sitzen sie zusammen, packen ihr Strickzeug aus und lassen die Nadeln tanzen. Dazu wird munter erzählt, werden neueste Nachrichten ausgetauscht, von Freude und Kümmernissen berichtet. Und auch das ein oder andere Gläschen Sekt wird dabei geleert. „Auf diese Nachmittage freut man sich schon tagelang vorher, es ist einfach schön, so in Gemeinschaft zu sein und nebenbei seinem Hobby nachzugehen“, sagt Hildegard Leudolph. Die ehemalige Krippenerzieherin ist noch nicht so lange wie die anderen im Rentnerstand und vermisst den Kontakt mit Kolleginnen, Kindern und Eltern doch sehr. Deshalb hofft sie, dass die von Corona erzwungene Pause des Strickfrauentreffs nun bald Geschichte ist.

So wie ihr geht es auch den Anderen, weiß sie. „Dabei ist es damals eigentlich Zufall gewesen, dass sich die Strickfrauen zusammengefunden haben, erinnert sich Elfriede Brauer. „In unserer neuen, schönen Bibliothek sollte ein Spielenachmittag für die Dornburger Rentner ins Leben gerufen werden, doch dafür gab es nicht genug Interessenten. Die Frauen, die da waren, entdeckten dann, dass sie alle das gleich Hobby haben, nämlich Handarbeiten“, erzählt sie. Ein Aufruf wurde veröffentlicht, und es kamen noch ein paar mehr Damen. So wurde aus dem Spielenachmittag der Treff der Dornburger Strickfrauen.„Und damit haben wir eine alte Tradition wieder aufgenommen“, sagt Annemarie Dulich. Denn, Frauen, die beieinander sitzen und stricken oder häkeln, gehören in Dornburg seit fast 100 Jahren zum Stadtbild. „Viele Dornburger Frauen waren im vergangenen Jahrhundert als Heimarbeiterinnen für Strickereien in Apolda tätig“, berichtet sie. „Oft saßen sie vor ihren Haustüren und strickten, während die Kinder drum herum spielten“, erzählt sie und holt als Beleg ein altes, etwas vergilbtes Foto aus den 1930er Jahren hervor. Es zeigt ihre Schwiegermutter und deren Mutter in der Runde mit Nachbarinnen vor dem Haus, jede mit Strickzeug im Schoß.

„Als ich 1956 mit meinem Mann nach Dornburg zog, war es noch gang und gäbe, dass die Frauen mit Handarbeiten vor den Häusern in der Kirchgasse oder Breiten Straße saßen und werkelten“, ergänzt sie. Für viele sei die Heimarbeit die einzige Möglichkeit gewesen, etwas zum Familienunterhalt dazuzuverdienen. Andere Arbeit gab es die für Frauen in Dornburg kaum. „Noch zu DDR-Zeiten, bis Ende der 80er Jahre haben die Dornburger Frauen für Apoldaer Fabriken vor allem Baby-Garnituren und Schuhchen gehäkelt. Die gingen sogar in den Export“, erzählt Elfriede Brauer. Der Lohn für ein Paar Babyschuhe sei eine Mark gewesen.

Fein gestrickte Babyjäckchen und Schuhe sind auch heute noch ein Dornburger Exportschlager. „Wir haben schon mehrfach Sachen für die Frühchen-Station des Jenaer Klinikum gestrickt und gehäkelt“, erzählt Elfriede Brauer. Noch eine Nummer kleiner sind die Kleider, Jacken und Hosen, die die Strickfrauen für die Puppenfamilien in den Kindergärten Dornburg und Dorndorf gefertigt haben. Derzeit werden Puppen aus dem Kindergarten im Jenaer Himmelreich von ihnen neu eingekleidet.

Und wenn die Dornburger Strickfrauen sich bald wieder in der Bibliothek treffen können, werden bestimmt auch Ideen für das nächste gemeinsame Handarbeitsprojekt besprochen.

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