Von der Säuglingsfürsorgerin zur KZ-Leiterin

Jena.  Ein Jenaer Historiker hat die erste Biografie über Himmlers ranghöchste Polizistin geschrieben.

Der Jenaer Historiker Sören Groß (Archivfoto).

Der Jenaer Historiker Sören Groß (Archivfoto).

Foto: Tino Zippel

In der Weimarer Republik gehört Friederike Wieking (1891- 1958) zu den Leitfiguren der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie kümmert sich als leitende Polizeifürsorgerin um Frauen, die wegen Prostitution straffällig werden. Später steht sie der Weiblichen Kriminalpolizei in Berlin vor. Ihre Arbeit ist anfangs geprägt von christlicher Nächstenliebe. Doch im Hitler-Regime avanciert sie zur Leiterin der Jugendkonzentrationslager. Wie konnte sie solch eine Entwicklung vollziehen?

Das ist eine der zentralen Fragen, der Sören Groß in seiner Biografie "Friederike Wieking - Fürsorgerin, Polizeiführerin und KZ-Leiterin" nachgeht. Das Buch des jungen Jenaer Historikers ist die erste größere Publikation über die ranghöchste Polizistin des "Dritten Reichs". Während seines Geschichtsstudiums wird der Doktorand auf die vergessenen Jugendkonzentrationslager aufmerksam - ein Thema, das ihn nicht mehr loslässt.

Zusammen mit Peter Weidner, einem Hobbyhistoriker aus Wiekings Heimat, der Grafschaft Bentheim, entdeckt er 2015 eine bislang unbeachtete Akte. Sie dokumentiert die Beförderung der Beamtin durch Heinrich Himmler zur Regierungs- und Kriminaldirektorin. Der Fund ist Auslöser für Groß‘ Buchprojekt und die Gründung der Geschichtswerkstatt Curriculum Vitae. Dank dieses Vereines können 30.000 Euro für Recherche und Druck akquiriert werden.

In seinem 400-seitigen Werk schildert Sören Groß das Leben Friederike Wiekings vor dem Hintergrund vier deutscher Epochen, vom Kaiserreich bis zur frühen Bundesrepublik. Geboren 1891 im äußersten Westen des heutigen Niedersachsens, wächst Wiking in einem Lehrerhaushalt auf. Früh geht sie eigene Wege, wird zunächst Säuglingsfürsorgerin in Düsseldorf, danach Wohlfahrtspflegerin in Hannover. In der Weimarer Republik baut sie in Stettin und Berlin Pflegeämter auf, polizeiliche Dienststellen, die Aufgaben der Sittenpolizei übernehmen. Dabei verfolgt Wieking modernste Ansätze, setzt zuallererst auf Wiedereingliederung der straffällig gewordenen Mädchen und Frauen anstelle von Bestrafung.

Auch beim Aufbau der Weiblichen Kriminalpolizei (WKP) betritt sie 1927 Neuland und setzt sich meinungsstark gegen männliche Anfeindungen zur Wehr. Nach der Machtergreifung Hitlers wird Wieking deutlich stiller und passt sich an, "auch um ihre Polizeifürsorgerinnen zu schützen", wie Sören Groß sagt. Und so überlebt ihre weibliche Polizei in Berlin als einzige deutsche WKP 1934 die große Umstrukturierungswelle.

Nichtsdestotrotz entlässt auch sie Mitarbeiterinnen und entwickelt sich über die Jahre zu einer wahrhaften Schreibtischtäterin. 1939 wird Wieking mit der Leitung sogenannter Jugendschutzlager im niedersächsischen Moringen, der Uckermark und im polnischen Łódź beauftragt. Sie sollen der wachsenden Jugendkriminalität während des Krieges Einhalt gebieten. Dabei handelt es sich laut Sören Groß um nichts anderes als Konzentrationslager. Interniert werden Jugendliche, die nicht ins System passen, darunter auch Kinder von politischen Gegnern und Minderheiten.

Die Baracken sind von zwei Stacheldrahtzäunen samt Wachtürmen umschlossen. Die Jugendlichen müssen zehn Stunden Arbeitsdienst verrichten. Es werden Zwangssterilisationen vorgenommen, Minderjährige in Euthanasie-Einrichtungen überstellt und auch Jugendliche über 21 Jahre in Vernichtungslager geschickt. In all die Maßnahmen und Verbrechen ist Wieking involviert und nickt sie ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird sie schließlich selbst von der sowjetischen Besatzungsmacht in Speziallagern interniert. Bei der Auflösung des Speziallagers Buchenwald wird sie 1950 freigelassen und verbringt ihren Lebensabend in Westberlin. Sören Groß‘ Buch deckt neue Kapitel der deutschen Geschichte auf. Es soll über die Existenz der Jugendkonzentrationslager aufklären und zeigt zugleich, "wie man sich im Nationalsozialismus zum Täter entwickeln konnte".

Sören Groß: "Friederike Wieking - Fürsorgerin, Polizeiführerin und KZ-Leiterin", Verlag des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim, 400 Seiten, 29,80 Euro