Kontaktnachverfolgung in Thüringen gelingt – noch

Weimar.  Drei von vier Kontakten können nicht mehr verfolgt werden – so hatte Angela Merkel den Lockdown begründet. So stellt sich die Lage in Thüringen dar.

Vielerorts, wie hier im Landratsamt in Heiligenstadt, helfen Bundeswehrsoldaten bei der Ermittlung von Kontaktpersonen.

Vielerorts, wie hier im Landratsamt in Heiligenstadt, helfen Bundeswehrsoldaten bei der Ermittlung von Kontaktpersonen.

Foto: Eckhard Jüngel

75 Prozent – das ist die Zahl des seit Anfang November geltenden „Lockdown light“. Drei von vier Kontakten eines positiv auf das Coronavirus getesteten Menschen können nicht mehr nachvollzogen werden. So hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das neuerliche Herunterfahren des öffentlichen Lebens im Kern begründet. Für Thüringen gilt diese generelle Aussage der Kanzlerin offenbar nicht uneingeschränkt. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Mehrere Gesundheitsämter bestätigten auf Anfrage dieser Zeitung, dass sie zumindest in den ersten zehn Tagen des „Lockdown“ nach wie vor in der Lage gewesen sind, die Kontakte aller infizierten Personen nachzuverfolgen – und das in Ausnahmefällen länger als zwei Tage gedauert habe.

Allerdings: Auf eine Anfrage bei allen Gesundheitsämtern haben mehrere nicht geantwortet.

Dennoch lässt sich aus den Antworten ein Überblick zeichnen, der zwei Dinge deutlich macht: Die Kontaktnachverfolgung gelingt noch, aber nur unter erheblichem Verschleiß personeller Ressourcen. In den meisten Antworten wird vor allem die hohe Arbeitsbelastung beklagt. Ein Überblick:

Erfurt: „Die Kontaktnachverfolgung ist aktuell tagaktuell gewährleistet“, teilt Stadtsprecher Daniel Baumbach mit. Zwischenzeitlich habe es Verzögerungen von maximal zwei Tagen gegeben, die durch Personalaufstockung kompensiert wurden. Mittlerweile unterstützen auch zehn Bundeswehrsoldaten das Gesundheitsamt.

Gera: In der Stadtverwaltung fühlt man sich nach wie vor in der Lage, auf das Infektionsgeschehen reagieren zu können. Das sei insbesondere möglich, weil durch den Krisenstab der Stadt kontinuierlich personelle und technische Ressourcen angepasst werden können, heißt es aus der Kommunikationsabteilung von OB Julian Vonarb (parteilos). Allerdings: Ob nach wie vor alle Kontakte nachvollzogen werden können, „dazu können wir leider keine Angaben machen“, teilt die Stadtspitze mit.

Weimar: Die Stadt Weimar war bis vor wenigen Wochen die glückselige Insel der Republik, hatte nur noch einen aktiven Fall. Das änderte sich schlagartig. In den ersten zehn Novembertagen wurden 89 Personen positiv auf das Virus getestet. Die Ermittlung der Kontaktpersonen habe maximal zwei Tage gedauert, heißt es auf Anfrage dieser Zeitung. Die Aufgaben seien derzeit nur unter Zurückstellung von Pflichtaufgaben zu erfüllen, heißt es aus der Stadtverwaltung.

Altenburger Land: Durchschnittlich zehn Kontaktpersonen müssen im Landkreis Altenburger Land benachrichtigt werden, wenn eine Person einen positiven Coronatest erhalten hat. 1600 waren das vom 1. bis 10. November. Noch sei das binnen maximal drei Tagen leistbar, heißt es aus der Verwaltung. Allerdings seien die Mitarbeiter zunehmend erschöpft. Ganze Infektionsketten rückblickend nachzuverfolgen, das sei nicht mehr möglich. Aktuell arbeiten 15 Mitarbeiter in der Kontaktnachverfolgung. Im Juni waren es noch drei.

Landkreis Eichsfeld: Binnen zwei Tagen seien alle Kontakte nachverfolgt, heißt es aus der Kreisverwaltung in Heiligenstadt. Das gelte nach wie vor, hänge aber auch stets mit dem Aufkommen an Kontaktpersonen zusammen. Gearbeitet wird im Gesundheitsamt seit Wochen täglich, die Belastung sei hoch, teilt eine Sprecherin mit. In den ersten zehn Novembertagen hatte der Landkreis insgesamt 194 positiv getestete Personen verzeichnet – mithin einer der höchsten Werte im Freistaat.

Landkreis Gotha: „Das Kontaktmanagement und die Nachverfolgung funktionieren noch“, teilt ein Sprecher der Kreisverwaltung mit. Jetzt würden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von den Erfahrungen des Frühjahrs profitieren, könnten viele Aufgaben routinierter bewältigen, die im März, April und Mai noch neu waren. Eine Datenbanklösung für das Fall- und Kontaktmanagement helfe zusätzlich.

Landkreis Greiz: Alle Bereiche der Kreisverwaltung stellen Personal für die Kontaktnachverfolgung ab. Nur so, heißt es auf Anfrage, könne die Kontaktnachverfolgung nahezu vollständig gewährleistet werden. Das gelinge noch mit den derzeit 27 eingesetzten Mitarbeitern – davon 14 aus anderen Ämtern.

Landkreis Hildburghausen: Der Landkreis liegt nach wie vor an der Spitze in Thüringen mit Blick auf den Inzidenzwert, der am Donnerstag bei 264,3 positiv Getesteten pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen lag. Die Kontaktnachverfolgung dauert entsprechend lange, teilt ein Sprecher der Kreisverwaltung mit. Bis zu fünf Tage können ins Land gehen, bis Kontakte von einzelnen positiv Getesteten Personen ermittelt und benachrichtigt sind.

Ilm-Kreis: Bis auf wenige Ausnahmen schaffen es die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch, alle Kontaktpersonen binnen Tagesfrist zu ermitteln. Dazu unterstützen seit einer Woche zehn Bundeswehrsoldaten das Gesundheitsamt. Um weiterhin effektiv zu sein, wird derzeit geprüft, die Erfüllung der Vorgaben des Robert-Koch-Institutes (RKI) zur Pandemiebewältigung auf drei Säulen aufzustellen. Damit solle das Gesundheitsamt entlastet werden, sagt eine Sprecherin der Kreisverwaltung. Das wäre dann nur noch für die Kontaktpersonenrecherche, Quarantäne- und Schließungsanordnungen direkt zuständig. Gesundheitsüberwachung und Bescheid-Erstellung sowie Abstrichmanagement sollen anderen Einheiten des Landratsamtes unterstellt werden.

Kyffhäuserkreis: 32 Mitarbeiter setzt der Landkreis für die Kontaktnachverfolgung ein. Weitere 28 seien,bei der Hotline im Dienst. Anfang November habe die Kontaktnachverfolgung einen Tag gedauert, mittlerweile seien es schon mehr als eineinhalb Tage, bis alle Kontaktpersonen der positiv Getesteten benachrichtigt worden sind.

Landkreis Nordhausen: Je nach der Uhrzeit, wann ein positives Testergebnis bekannt wird, gelingt die Kontaktnachverfolgung im Landkreis Nordhausen noch am selben oder am Folgetag. 20 Personen sind permanent mit der Kontaktpersonennachverfolgung befasst. Bisher sei nicht geplant, Hilfe der Bundeswehr anzufordern.

Saale-Holzland-Kreis: 40 Personen arbeiten daran, die Corona-Pandemie zu bewältigen. 81 positive Getestete registrierte die Kreisverwaltung in den ersten zehn Novembertagen. Allerdings: Wie viele Kontakte sich daraus ergaben, dazu lägen keine Daten vor. Die Grenzen der Belastbarkeit seien bei den Mitarbeitern im Gesundheitsamt, insgesamt 21, die durch 19 externe Personen unterstützt werden, erreicht.

Saale-Orla-Kreis: Im Landkreis Saale-Orla sind die Kapazitäten erschöpft. „Eine vollständige Kontaktnachverfolgung auf fachlich hohem Niveau ist nicht mehr zu gewährleisten“, lautet die Mitteilung. Beklagt wird, dass es keine Unterstützung der oberen Gesundheitsbehörde gebe. 26 Mitarbeiter seien mit der Kontaktnachverfolgung befasst. Zwischen dem ersten und 10. November mussten sie insgesamt etwa 200 Personen erreichen.

Saalfeld-Rudolstadt: Die zu ermittelnden Kontaktpersonen werden zwar erreicht, heißt es aus der Kreisverwaltung, „allerdings mit einigen Tagen Verzug“. Allein in den ersten zehn Novembertagen mussten 683 Personen ermittelt werden – ursächlich dafür waren 108 positive Tests auf das Coronavirus bei Bewohnern des Landkreises.

Schmalkalden-Meiningen: Im Landratsamt wird konstatiert, dass sich jetzt auszahle, sehr früh in der Pandemie Nachverfolgungsteams aufgebaut zu haben. So können weiterhin 100 Prozent der Kontaktpersonen schnell ermittelt werden. In der Regel kämen auf einen Infizierten durchschnittlich drei bis fünf Personen, die erreicht werden müssten. 367 Menschen waren das in den ersten zehn Novembertagen im Landkreis.

Landkreis Sonneberg: Zuletzt habe es, heißt es als Antwort auf die Anfrage dieser Zeitung, Verzögerung bei der Nachverfolgung der Kontakte gegeben. Die Kontaktpersonen von sogenannten Indexfällen – also jenen, die am Anfang einer Infektionskette stehen – seien spätestens am Folgetag benachrichtigt worden. Bei Tagen mit 30 und mehr gemeldeten positiven Tests gestalte sich die Nachverfolgung schwierig. Ein weiterer Grund, der die Mitarbeiter vor Schwierigkeiten stellt: „Zunehmend problematisch wird die Kontaktaufnahme durch fehlende Angaben und damit zunächst unklare Erreichbarkeiten.“

Weimarer Land: „Es werden kaum noch originäre Aufgaben wahrgenommen“, teilt eine Sprecherin der Kreisverwaltung mit. Die Belastungsgrenze der Mitarbeiter im Gesundheitsamt sei seit Wochen überschritten – mit dem Erfolg, dass bisher alle Kontakte nachverfolgt werden können. Allein in der Zeit vom 1. bis 10. November waren das 750 Personen, die erreicht werden mussten. 114 Menschen waren in diesem Zeitraum positiv auf das Virus getestet worden.

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