2017 ist Theodor-Storm-Jahr und Heiligenstadt feiert

Heiligenstadt  Das Theodor-Storm-Jahr ist eröffnet: Zum 200. Geburtstag gibt es ein großes Chorsingen.

Theodor Storm Denkmal. Archivfoto: Peter Michaelis

Theodor Storm Denkmal. Archivfoto: Peter Michaelis

Foto: zgt

In Thüringen luthert es 2017 nicht nur, es stormt auch: Damit der 200. Geburtstag des Heiligenstädter Dichters im Schatten des großen Reformationsjubiläums nicht untergeht, hat man dort schon mal das Theodor-Storm-Jahr ausgerufen. Der Höhepunkt folgt zwar erst am 14. September – da wurde Theodor Storm anno 1817 in Husum geboren –, doch bereits am Mittwoch eröffnet das Literaturmuseum in Heiligenstadt eine Ausstellung mit Storm-Illustrationen der Grafikerin Ursula Kirchberg.

Gefeiert wird dann in Kooperation mit der Stadt und dem Theodor-Storm-Verein das ganze Jahr hindurch: mit Lesungen, Vorträgen, Konzerten und weiteren Sonderausstellungen, bei denen auch neueste Erkenntnisse zu Leben und Werk des Autors des „poetischen Realismus“, der von 1856 bis 1864 mit seiner Familie in Heiligenstadt lebte und als Richter am dortigen Amtsgericht wirkte, vorgestellt werden. Wir sprachen darüber mit Regina Fasold, der Leiterin des Literaturmuseums.

Zum Auftakt des Theodor-Storm-Jahres präsentieren Sie Originalgrafiken zur Novelle „Der Schimmelreiter“. Ist das noch das bekannteste Werk des Dichters?

Ich denke schon. Wobei mancher Besucher irrtümlich glaubt, der „Schimmelreiter“ beginne mit den Vers: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind ...“ Da sage ich dann: Das ist leider nicht von Storm, aber auch sehr schön ...

Und wenn Sie den Namen Hauke Haien nennen?

Dann dämmert’s natürlich. Die meisten kennen die Novelle tatsächlich noch aus der Schule.

Wird sie weiter im Unterricht gelesen?

Ob überall, weiß ich nicht. Die Wahl der Stoffe ist ja heute freier als zu DDR-Zeiten. In unserer Region wird „Der Schimmelreiter“ auf jeden Fall noch im Unterricht behandelt, natürlich auch in Schleswig-Holstein, wo Theodor Storm ja Nationalautor ist. Angesichts der jüngsten Sturmflut hat man sich dort sicherlich der Novelle erinnert.

Also hochaktuell?

Keine Frage. Der Text ist insofern zeitlos, weil er das Verhältnis des Menschen zu der ihn umgebenden Natur auf tiefgründige und poetische Weise erfasst und die Hybris zeigt, über die Natur herrschen zu wollen. Der Deichgraf hat auch stark narzisstische Züge; Hauke Haien glaubt, er schaffe es alleine und werde mit der modernen Deichanlage ein großes Werk hinterlassen.

Wie war das zu seinen Lebzeiten? Vermutlich zählte Storm im 19. Jahrhundert ebenso wenig wie Goethe zu den Bestseller-Autoren.

Storm hatte 1875 seinen literarischen Durchbruch mit der etwas traurigen Novelle „Viola tricolor“. Von da an veröffentlichte er in den renommiertesten Literaturzeitschriften seiner Zeit. Storm hat dafür hohe Honorare verlangt und auch erhalten. Er ist gewiss kein biedermeierlich vergessener oder vor sich hin sinnierender Autor gewesen. Zusammen mit Theodor Fontane, Karl Emil Franzos und Gottfried Keller gehörte Storm zur literarischen Elite.

Trotzdem musste er – und das zeigen ja auch die Jahre in Heiligenstadt – seine Brötchen als Beamter verdienen. Allein von seinen Novellen konnte er die Familie sicherlich nicht ernähren?

Nein. Auch als Kreisrichter verdiente er nicht gerade üppig. Die preußischen Beamten wurden seinerzeit recht knapp gehalten. In der Tat war Storm kein freier Autor, sondern Anwalt, später Landvogt und Amtsrichter.

Was kennen und lieben heutige Storm-Leser über den „Schimmelreiter“ hinaus?

Auf jeden Fall die Märchen, darunter die in Heiligenstadt entstandene „Regentrude“, „Bulemanns Haus“, das stark an E.T.A. Hoffmann erinnert, und natürlich „Der keine Häwelmann“. Bei der Novellistik wünschte ich mir, dass man ein bisschen wegkommt von dem schulisch vermittelten „Schimmelreiter“ und sich auch mal Texten zuwendete wie „Auf der Universität“ oder „Auf dem Staatshof“, die vor allem jungen Lesern einen Zugang ermöglichen könnten. Ich kann sagen, dass wir in unseren Storm-Veranstaltungen regen Zulauf haben; es kommen ganze Schulklassen, aber auch viele älterere Literaturinteressierte zu uns.

Sie lassen nichts unversucht und holen sogar einen leibhaftigen Urenkel von Theodor Storm nach Heiligenstadt!

Der möchte namentlich nicht erwähnt werden.

Aber was er mitbringt, können Sie doch verraten.

Seine Großmutter war die Storm-Tochter Lucie, die in Heiligenstadt geboren wurde. Sie hat den Kunstmaler Theodor Sander geheiratet, aus dessen Nachlass wir einiges zeigen werden – sowohl Porträts der Familie als auch Landschaftsbilder.

Und was passiert am 14. September?

Wir haben zwei große Höhepunkte geplant: Zum einen unsere Theodor-Storm-Tage, die traditionell Anfang Juli in Heiligenstadt stattfinden – da werden wir in diesem Jahr ein Künstlerbuch über Storm präsentieren. Und am eigentlichen Geburtstag veranstalten wir am Denkmal ein großes Chorliedersingen. Dazu muss man wissen, dass Theodor Storm zu seiner Zeit in Heiligenstadt auch sehr bekannt als Chorleiter war. An diese musikalische Seite wollen wir anknüpfen. Es gibt übrigens eine Fülle von Storm-Vertonungen, durch alle musikalischen Epochen hindurch – angefangen bei Brahms bis in die Gegenwart.