220 Jahre alte Kunstblumen für das Weimarer Stadtmuseum

Weimar. Von den Kunstblumen, die seine Fabrik von 1782 an verlassen, hofft Friedrich Justin Bertuch, sie mögen "endlich den besten Pariser Arbeiten von dieser Art zur Seite stehen". Sein Traum wird wahr.

In einer Schachtel hat die Kunstblume die zurückliegenden 220 Jahre überstanden. Bärbel Froriep überbrachte sie im Auftrag Veronica Kenneys. die sie schon vor Jahren dem Stadtmuseum zur Verfügung stellen wollte. Foto: Sabine Brandt

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Die Blumen aus "Leinewand, altem Plüsch und dünnem Taffett" (Wieland) sind Ende des 18. Jahrhunderts ein gefragter Trendartikel. Die Damen der Gesellschaft donnern damit ihre Hüte und Kleider auf, so dass Bertuch wenige Jahre später mitteilen kann: "Mit unserer kleinen Blumenfabrick gehts so gut, daß uns nichts als die überhäuften Bestellungen in Verlegenheit setzen".

So verbreitet die Kunstblumen aus der Bertuchschen Manufaktur seinerzeit gewesen sein müssen, so rar machen sie sich heute. Darum hatten die "Freunde des Stadtmuseums im Bertuchhaus" um so größeren Anlass zur Freude, als sie gestern eine jener aufwendig gearbeiteten Kunstblumen aus Bertuchs Fabrik in Empfang nehmen durften - ungefähr am selben Ort, an dem sie 220 Jahre zuvor hergestellt worden war.

Für die Kunstblume ist damit eine ebenso lange wie weite Reise zu Ende gegangen. Mehr als 13.000 Kilometer dürfte sie zurück gelegt haben. Die vergangenen 40 Jahre verbrachte sie in Boston, wohlverwahrt von Veronica Kenney, einer Nachfahrin der Familie Froriep.

Frorieps waren seit 1801 Teil des Bertuchschen Clans. Ihren Erben ist es zu danken, dass zumindest eine der Kunstblumen aus der Fabrik im Bertuchhaus die Zeiten überdauerte. Bertha und Klara Froriep, die letzten Bewohnerinnen des Bertuchhauses, die Anfang der 1920er Jahre starben, vermachten die Blume ihrer Nichte Lida Geyer.

Kunstwerk wäre fast an der Ostküste geblieben

Die reichte sie an ihre Tochter weiter. Die wiederum an ihre Tochter... Von Weimar zog das kleine textile Kunstwerk über Millstatt in Österreich und München bis nach Boston. Dort, an der Ostküste der Vereinigten Staaten, wäre die Blume wohl auch geblieben.

2003 hatte Veronica Kenney schon einmal beschlossen, das Weimarer Stadtmuseum mit ihrem Erbstück zu beschenken. Da war der Museumsbetrieb gerade eingestellt worden. Veronica Kenney, die die Blume damals zum Familientreffen der Frorieps nach Weimar mitgebracht hatte, nahm sie also wieder mit nach Hause.

"Sie hofft jetzt natürlich, dass das Bertuchhaus dauerhaft geöffnet bleibt", berichtet Bärbel Froriep aus Hannover, die über drei Ecken mit Veronica verwandt ist und für sie als Blumen-Botin einsprang. Gestern war sie in Weimar, um das Geschenk zu übergeben.

Weil das Stadtmuseum seit Jahren vergeblich nach einem Originalprodukt aus Bertuchs Fabrik sucht, war sich Rudolf Wendt, der Vorsitzende des Fördervereins, sogar sicher, dass "keiner der heute in Weimar Lebenden je ein solches Stück aus der Kunstblumenfabrik zu sehen bekam".

Das stimmt nicht ganz. Zumindest die Klassikstiftung ist im Besitz eines weniger aufwendigen Exemplars. Darauf machte Gabriele Oswald aufmerksam. Wie die Mitarbeiterin der Klassikstiftung berichtet, stamme diese Blume aus dem Nachlass Goethes, könnte also von Christiane Vulpius selbst angefertigt worden sein.

Bevor sie Goethe kennenlernte war Christiane eines jener "Mädchen der mittleren Classe", die Bertuch etwa bis Anfang der 1890er Jahre in seiner Kunstblumenfabrik beschäftigte.

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