500 Werke der Klassischen Moderne als Leihgabe in Gera

Ulrike Merkel
| Lesedauer: 3 Minuten
Der Leiter der Geraer Kunstsammlung Holger Saupe und Mitarbeiterin Claudia Schönjahn gestern beim Sortieren der Sammlung Niescher. Zu den zahlreichen Werken gehört auch diese Zeichnung von Ernst Barlach.

Der Leiter der Geraer Kunstsammlung Holger Saupe und Mitarbeiterin Claudia Schönjahn gestern beim Sortieren der Sammlung Niescher. Zu den zahlreichen Werken gehört auch diese Zeichnung von Ernst Barlach.

Foto: Kunstsammlung Gera

Gera/Aachen/Berlin.  Am Donnerstag übernimmt die Stadt Gera die hochkarätige Privatsammlung Niescher als Dauerleihgabe. Sie vereint Werke von Dix, Barlach, Klee und Feininger.

Mehr als 500 Werke der Klassischen Moderne treffen heute in Gera ein. Kunstsammlungsleiter Holger Saupe und zwei seiner Mitarbeiter sortierten und verpackten sie gestern fachgerecht in der Nähe von Aachen. Die hochkarätige Sammlung stammt aus Berliner Privatbesitz und wird für zehn Jahre als Dauerleihgabe der Kunstsammlung Gera zur Verfügung stehen.

Hauptaugenmerk liegt auf Dix und Barlach

Damit ist der ostthüringischen Stadt ein echter Kunstcoup gelungen. Denn die Privatsammlung vereint Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Lithografien und Skulpturen der namhaftesten Künstler des 20. Jahrhunderts, wie zum Beispiel Karl Schmidt-Rottluff, Oskar Kokoschka, Paul Klee, Lyonel Feininger, George Grosz und Gerhard Marcks. „Hauptaugenmerk liegt auf Otto Dix und Ernst Barlach“, betont Holger Saupe. Zudem finden sich Werke der Franzosen Paul Gauguin und Auguste Rodin darunter.

Damit kann die Kunstsammlung Gera ihren Sammlungsschwerpunkt zur Moderne und zum Sohn der Stadt Otto Dix (1891-1961) weiter vertiefen. Wie gefragt die Privatsammlung ist, zeigt bereits eine Anfrage aus Hamburg, das Dix-Gemälde „Lärche im Engadin“ ausleihen zu dürfen. Ein Teil der Werke sei außerdem seit Jahrzehnten nicht mehr gezeigt worden, berichtet Saupe.

Sammlung geht auf Margarine-Fabrikanten zurück

Die Sammlung geht auf den Chemnitzer Margarine-Fabrikanten Fritz Niescher (1889-1974) zurück. Der Unternehmer unterhielt vor allem zu Otto Dix freundschaftliche Kontakte. Er unterstützte den Maler besonders, nachdem der 1933 als einer der ersten Kunstprofessoren Deutschlands durch die Nazis in Dresden entlassen worden war. Niescher erwarb Zeichnungen, Druckgrafiken und einzelne Gemälde des Künstlers und baute im Laufe seines Lebens die wohl umfangreichste Sammlung Dix‘scher Silberstift-Zeichnungen auf.

Auch einen Teil seines Chemnitzer Gartenpavillons ließ der Fabrikant 1938 vom Geraer Maler gestalten. Die dafür geschaffene Wandmalerei „Orpheus und die Tiere“ wurde jedoch bei den schweren Bombenangriffen auf Chemnitz vollständig zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Margarine-Fabrik der Familie Niescher verstaatlicht. Fritz Niescher verließ daraufhin samt seiner Sammlung die DDR gen Aachen.

Korrespondenz zwischen Unternehmer und Künstlern ist erhalten

Seine Erben hielten die Werke zusammen. Die Kunstsammlung Gera wird sich nun mit ihrer wissenschaftlichen Erschließung befassen, Entstehungszusammenhänge und Herkunftsgeschichtliches erforschen. Besonders froh ist Holger Saupe, dass auch Korrespondenzen zwischen Niescher und Dix sowie anderen Künstlern erhalten geblieben sind.

Kontakte zum heutigen Eigentümer habe es schon seit Jahrzehnten gegeben, sagt der Kunstsammlungschef. Intensiviert wurden sie 2011, als in Gera eine umfangreiche Retrospektivausstellung zum 120. Geburtstag von Otto Dix kuratiert wurde.

Eine Vielzahl von Ausstellungen soll mit Leihgaben konzipiert werden

Sobald dessen Geburtshaus wieder öffnen darf, werden dort die Dix’schen Gemälde-Neuzugänge zu sehen sein, kündigt Saupe an. Zudem ist in diesem Jahr eine Schau mit den Barlach-Werken geplant. Eigentlich sollte sie bereits 2020 zum 150. Geburtstag des Bildhauers und Zeichners eröffnet werden, wurde aber wegen der Pandemie verschoben. In den kommenden Jahren wird die Kunstsammlung eine Vielzahl an Ausstellungen mit der Sammlung Niescher konzipieren, etwa zu Aktzeichnungen oder zur Porträtkunst der Moderne.

Außerdem sollen einzelne Werke oder auch ganze Ausstellungen verliehen werden. Im Gegenzug hofft Holger Saupe andere hochkarätige Schauen nach Gera zu holen. Zu seinen Highlights gehören unter anderem ein „interessantes Zirkus-Aquarell von Dix“ sowie „fünf Aquarelle von Paul Klee (1919) aus seiner Bauhauszeit“.