Arnstadt: Geschichte in Familiengeschichten

Arnstadt (Ilm-Kreis). Jörg Kaps will im Juni weitere 14 Stolpersteine in Arnstadt verlegen und Schülerprojekt fortsetzen.

Schulsozialarbeiter Jörg Kaps engagiert sich seit Jahren für die Aufarbeitung jüdischer Geschichte in Arnstadt. Foto: Esther Goldberg

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"Ich möchte Ursula und Udo und ihre Kinder finden und sie einladen", sagt Jörg Kaps. Er forscht über Freunde in den USA und über das Leo­Baeck-Institut nach ihnen. Die beiden Gesuchten sind heute 90 und 88 Jahre alt, leben in den USA und haben deutsche Vornamen. Denn Mutter Minna ist in Arnstadt geboren. Sie floh allerdings nach Lakewood (USA), bevor die Nazis sie ebenso ermorden konnten wie die Mutter. Der Vater starb in Arnstadt.

Jörg Kaps will für Minna Jonas und ihre Eltern im Juni Stolpersteine legen. Am besten im Beisein der Nachfahren. Das macht er immer so, seit er vor acht Jahren mit dem Stolperstein-Projekt begonnen hat. Weil Geschichte so in Geschichten mündet, die gut zu erkennen sind. So etwas sagt beispielsweise ein Mädchen aus dem Staatlichen Gymnasium Arnstadt. Buchenwald, Auschwitz und Theresienstadt - das war alles weit weg. Aber dass es auch sechs jüdische Mädchen und Jungen in der Schule gab, das macht Geschichte plötzlich emotional.

Reale Schicksale machen Geschichte real

Jörg Kaps, der Sozialarbeiter der Schule, will in wenigen Tagen auch wieder mit einigen Schülern nach Plaue fahren, zum Jüdischen Friedhof. Seit Jahren pflegen die vom Staatlichen Gymnasium gemeinsam mit Kaps die Gräber. Suchen nach Geschichten und erforschen so Geschichte. Die Schüler, die er diesmal mitnehmen wird, gehen in die achte Klasse. Es ist sozusagen die Patenklasse einer Zwölften. Die hatten bisher das Forschungsprojekt begleitet. Jetzt aber kommt das Abitur. "Und ich möchte, dass die Arbeit ums Erinnern auch an dieser Schule weitergeht", erklärt Kaps.

Vor zwei Jahren war er mit Jugendlichen in Auschwitz, um nach Arnstädter Häftlingen zu suchen. So etwas würde er gern wieder machen. Noch aber gibt es dafür kein Geld.

Ausreichend Stoff für die Forschung wird es aber auch so künftig geben. Allein die 14 Stolpersteine, die gelegt werden sollen und bei denen die Stadt organisatorisch mit im Boot ist, verlangen noch viel Akribie und Ausdauer. "Stolpersteine, die von Spenden und nicht von Steuergeldern finanziert werden", sagt Kaps sehr nachdrücklich. Weil manche, die über die Stolpersteine stolpern und dunkle Vergangenheit lieber im Dunkel belassen würden, auf mangelnde Gelder der Stadt verweisen. Klingt gut, ist aber falsch. Über 17 000 Euro Spenden hat Kaps inzwischen gesammelt. Spenden, mit denen im Juni auch jener Stolperstein finanziert werden wird, auf dem der Name der Jüdin Sophie Appel stehen wird.

1936 kam sie ins Krankenhaus nach Erfurt, später nach Pfafferode. Aus drei verschiedenen Quellen gibt es inzwischen Angaben zur Todesursache der gelernten Stenotypistin, die psychisch krank war.

Papiere sollen die Wahrheit belegen

Die einen meinen, sie sei ins KZ Auschwitz deportiert worden. Die anderen glauben zu wissen, dass Sophie Appel am 31. Dezember 1945 für tot erklärt wurde. Eine dritte Variante beschreibt, dass die 36-Jährige in der Psychiatrie in Hildburghausen gestorben ist oder aber dort ermordet wurde. "Ich will sehen, ob ich an Papiere herankomme, um die Wahrheit zu finden", sagt Jörg Kaps.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass aus dieser Zeit noch Unterlagen in Hildburghausen lagern. Doch ganz gleich, was Jörg Kaps herausfindet: Im Juni liegt vor dem Eingang der Erfurter Straße 6 ein weiterer Stolperstein.

Jörg Kaps wird über sie und die anderen Menschen der Jüdischen Gemeinde Arnstadt vor dem Holocaust ein Buch veröffentlichen. 800 Seiten hat er bereits geschrieben - nicht in epischer Breite, sondern vielmehr als Faktensammlung. Und er ist immer noch nicht fertig damit. Seine Kontakte zu 17 Familien mit Arnstädter Wurzeln in Nord- und Südamerika, in Israel und in Europa vermitteln Geschichte in Familiengeschichten. Genau darüber plant er auch eine Ausstellung. Und er hofft, ein Treffen der jüdischen Nachfahren der ermordeten Arnstädter Juden organisieren zu können. Das aber dürfte sowohl aus finanziellen als auch aus emotionalen Gründen heraus schwierig werden: So sagte beispielsweise Robert Cohen aus New York , dass er sich gern mit Jörg Kaps treffen wolle. Nur nach Arnstadt könne er nicht mehr reisen. Das habe er einmal getan und könne das emotional nicht noch einmal durchstehen. Denn er weiß, dass seine Mutter sich nur Tage vor der Pogromnacht auf ein Schiff nach New York retten konnte. "Er wollte für seine Mutter einen Stein", sagt Kaps. Diesen Stein gibt es inzwischen - vor der Haustür in der Karl-Marien-Straße 17. Genau dort, wo auch Stolpersteine für seine Großeltern liegen. Der Großvater wurde in Buchenwald ermordet. . .

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