Auf Schloss Ettersburg ist das ganze Jahr lang Pfingsten

Ettersburg.  Zehntes Kulturfestival programmiert für 2020 bislang vierzig Gespräche, Lesungen und Konzerte: Es ist von März bis November geplant.

Wolf Biermann, zuletzt im November 2017 zu Gast in Ettersburg, kommt am 10. Mai 2020 zum Gespräch unter dem Titel „Der Krieg genießt seinen Frieden.“

Wolf Biermann, zuletzt im November 2017 zu Gast in Ettersburg, kommt am 10. Mai 2020 zum Gespräch unter dem Titel „Der Krieg genießt seinen Frieden.“

Foto: Michael BaaR

„Das Land ist still“, dichtete Wolf Biermann. „Der Krieg genießt seinen Frieden / Still. Das Land ist still. Noch.“ Das erschien 1968 in einem Band, in dem es an anderer Stelle heißt: „Noch findet er statt / der Sonnenaufgang / Die dunkle Nacht, noch / wird sie veranstaltet.“ Im nächsten Mai wird der Poet und Liedermacher, Ex-Kommunist und aktive Kommunistenfresser, zum Gespräch nach Schloss Ettersburg zurückkehren, unter dem Titel „Der Krieg genießt seinen Frieden.“

Eine Woche zuvor liest der Schauspieler Ilja Richter an gleicher Stelle aus der „Sonnenfinsternis“ von Arthur Koestler: aus dem erst jüngst veröffentlichten Originalmanuskript dieses 1940 erschienenen Romans, in dem Koestler mit dem Kommunismus abrechnete.

Bereits Mitte März stellt der Cambridger Historiker Brendan Simms sein provokantes Buch „Hitler. Eine globale Biographie“ vor, neun Tage nach Erscheinen der deutschen Ausgabe. Es beschreibt gleichsam Hitlers ideologischen Dreisprung des Hasses: erst auf „Anglo-Amerika“, dann auf den internationalen Kapitalismus, schließlich auf die Juden.

Der deutsche Historiker Götz Aly spricht Mitte Juni über die Deutschen als „Volk ohne Mitte“, unterwegs „zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus“. Und zuvor ist unter anderem der Schauspieler Jürgen Tarrach als Sänger zu Gast, der jüngst das erste deutschsprachige Fado-Album aufnahm; es heißt „Zum Glück traurig“.

Das alles und vieles mehr kann durchaus erhellend werden, obschon es einigermaßen düster wirkt. Aber auf Schloss Ettersburg bewegt sich das Kulturprogramm ja immer irgendwie zwischen Sonnenaufgang und –untergang. Es sendet gleichsam das erste und das letzte Licht aus. Vielleicht deshalb ist dort inzwischen beinahe ganzjährig Pfingsten, von März bis November. Pfingsten ist vom jahreszeitlichen Anlass zur Metapher geworden: für die Aussendung des freien Geistes sozusagen.

Dabei, es hat zunächst pragmatische Gründe, dass Schlossdirektor Peter Krause sein 2011 gestartetes Pfingstfestival zeitlich immer mehr „entzerrt“. Drei bis vier Veranstaltungen täglich sind inzwischen die Ausnahme; das kleine Schlossteam kann nicht länger über seine physischen Grenzen gehen.

Bauarbeiten für die Bundesgartenschau 2021

Und doch hat man letztlich für die zehnte Ausgabe im kommenden Jahr insgesamt 40 Veranstaltungen in exklusivem Rahmen programmiert, für die rund 6000 Karten zur Verfügung stehen: für Gespräche und Lesungen, für Club- und Klassikkonzerte. Das findet statt in einem Jahr, in dem sich Schloss und Park als Unesco-Weltkulturerbe baulich darauf vorbereiten, einer von insgesamt 16 Außenstandorten der Bundesgartenschau 2021 zu werden. Die Klassik-Stiftung darf im Park 900.000 Euro in neue Wegebeziehungen sowie in Pergolen und Laubengänge investieren, die im modernen Stil den Zustand des prägenden 19. Jahrhunderts aufgreifen.

Das geschieht bei laufendem Betrieb im Schloss, das kein Museum ist, sondern ein Bildungsort der hessisch-thüringischen Bauwirtschaft. Das Kulturprogramm ereignet sich insofern nebenbei. Es stellt in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs aber auch intellektuell neue Wegebeziehungen her, aus erklärtermaßen konservativer Perspektive.

Das Schloss ist aber nicht der Tübinger Turm Friedrich Hölderlins, dem man zum 250. Geburtstag erneut einen Schwerpunkt widmet: mit „Hyperion“ (Christian Brückner), „Empedokles“ (Thomas Thieme) oder Liebesbriefen (Petra Schmidt-Schaller).

Es ist, programmatisch betrachtet, vielmehr ein weitläufiges offenes Gelände im Grunde für jedermann, auch wenn der Gewehrsaal gerade mal 180 Menschen fasst. Die Künstler „kollabieren“ bei ihren Auftritten mitunter fast, zugleich könnten sie in Ettersburg aber „regelrecht regenerieren.“

Clubkonzerte mit Curtis Stigers und Lyambiko

Gelegenheit dazu erhalten 2020 zum Beispiel die lesenden Schauspielerinnen Nina Hoger (mit Else Lasker-Schüler) und Suzanne von Borsody (mit Paul Gaugin), auch der Kolumnist Harald Martenstein und der Polemiker Henryk M. Broder.

In den Clubkonzerten treten unter anderem der vom Pop zum Jazz zurückgekehrte Sänger und Saxophonist Curtis Stigers (USA), die polnische Bassistin Kinga Glyk, die kubanische Geigerin Yilian Canizares sowie erneut im Duo Max Mutzke und Marialy Pacheco auf. Das Soul-Duo Friend ‘n Fellow stellt sein neues Album „Characters“ vor, die ursprünglich aus Greiz stammende Jazzsängerin Lyambiko bewegt sich musikalisch zwischen Berlin und New York. Ihre Kollegin Lisa Bassenge und die Liedermacherin Anna Depenbusch treten indes erst in einem viertägigen Konzertblock im November auf.

Mag man auf Ettersburg über die Deutschen als Volk ohne Mitte diskutieren, konzeptionell, so Peter Krause, habe man auf dem Schloss längst seine Mitte gefunden. Sie markiert einen lebendigen liberalen Ort in einer Landschaft, die ihn still umschließt. Noch.

Programm unter www.schlossettersburg.de/kultur/pfingstfestival. Karten in unseren Pressehäusern sowie über www.ticketshop-thueringen.de

Enttäuschung in Ettersburg über abgelehnten Buga-Antrag

Es weihnachtet weiter im Weimarer Land