Das Bauhaus lebt in Gotha

Gotha.  Die heute weltberühmte Designerin Marianne Brandt trug die Gropius-Idee in eine große Metallbude. Die ging mit dem großem Namen nicht hausieren.

Blick in die Kunstforum-Ausstellung „Inspiriert von Bauhaus – Gotha erlebt Moderne“ über Marianne Brandt.

Blick in die Kunstforum-Ausstellung „Inspiriert von Bauhaus – Gotha erlebt Moderne“ über Marianne Brandt.

Foto: Maja Wieczorek

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Fernsehen bildet eben doch. Jedenfalls taugt es zu Bildungsanstößen. Aus dem Gothaer Formgestalter Klaus Blechschmidt hat es einen international anerkannten Experten gemacht, ganz ohne akademischen Titel.

Zufällig landete Blechschmidts Fernbedienung 2006 bei „Kunst + Krempel“ im Bayerischen Rundfunk, wo man gerade einen Serviettenhalter begutachtete: entworfen, stellte sich heraus, von Marianne Brandt in der Ruppel-Fabrik, einer großen Metallbude in Gotha.

Marianne Brandt, Design-Legende aus dem Bauhaus, war in Gotha? Blechschmidt, selbst Bauhaus-Sammler, hatte nie davon gehört. Dreizehn Jahre später gilt er als der Brandt-Ruppel-Forscher schlechthin.

Soeben erst stellte er auf der internationalen Konferenz „Bauhaus sammeln“ in Dessau die These auf, „dass ein Stück Marianne Brandt- und Bauhaus-Geschichte neu geschrieben werden muss, weil in Gotha mehr von ihr gestaltete Objekte in industrielle Serie überführt wurden als in Weimar und Dessau zusammen.“

Blechschmidt spürte die entsprechenden Musterbücher im Archiv der späteren „Gothaer Metallwarenfabrik“ auf, die er längst in- und auswendig kennt. Er kuratierte 2009 mit Schloss Friedenstein eine Ausstellung über Bauhauskünstler in Gotha. Jüngst vermittelte er der Friedenstein-Stiftung eine Marianne-Brandt-Sammlung, angekauft mithilfe des Freistaates sowie des Freundeskreises Kunstsammlungen Schloss Friedenstein Gotha.

„In Gotha kam das Bauhaus auf dem Küchentisch!“

Diese seltenen „Ruppelobjekte“ eines privaten Sammlers hatte man in Gotha schon mal abgelehnt, weshalb sie als Leihgaben im Industriemuseum Chemnitz landeten. Nun war ein Erbe kurz davor gewesen, sie versteigern zu lassen. Blechschmidt lotste ihn in seine Heimatstadt.

Aktuell bestreitet er als Kurator damit achtzig Prozent einer hundert Prozent spannenden und aufschlussreichen Ausstellung im Kunstforum Gotha, zu der OB Knut Kreuch den Satz beisteuerte: „In Gotha kam das Bauhaus auf dem Küchentisch!“

Ihr Fokus liegt auf den drei Gothaer Jahren der Designerin: Marianne Brandt war von Dezember 1929 bis Oktober 1932 laut Selbstauskunft „Leiterin der Entwurfsabteilung für Bedarfs- und Massengüter in lackiertem Stahlblech“ gewesen. Firmenchef Ruppel entließ sie indes, „die schlechte Wirtschaftslage“ anführend, als „künstlerische Mitarbeiterin in unserer Abteilung kunstgewerblicher Hausrat.“

In der Zwischenzeit jedenfalls überführte Brand, ließe sich sagen, das Sortiment der Firma mit ihrer am Bauhaus geschulten Formensprache vom Krempel zur Kunst.

Die Ausstellung beginnt mit zwei Vitrinen zu Weimar und Dessau. Marianne Brandt aus Chemnitz hatte zwar 1913, zwanzigjährig, an Weimars Kunsthochschule zu studieren begonnen. Aber erst zehn Jahre später kam sie ans 1919 gegründete Bauhaus, nach einer Zeit als freiberufliche Künstlerin.

Tee-Extrakt-Kännchen in New York

Nur ein Jahr später, 1924, entstand in der Metallwerkstatt bei László Moholy-Nagy, was in der Vitrine leider fehlen muss: ihr Ikone gewordenes Tee-Extrakt-Kännchen MT 49. Eines von acht bekannten Exemplaren schickte Brandt 1937 auf Anfrage dem Museum of Modern Art in New York. Ein jedes kostet heute 375.000 US-Dollar. Gleich neben dem Kännchen in New York steht Brandts schwarze und vernickelte Tischuhr, wie sie jetzt baugleich in Gotha auf einem „Altar“ zu finden ist. In Gotha trifft man auch gleichsam auf das Unterteil des Kännchens: in Form eines Aschenbechers. Und ein schwarzes vernickeltes Zigaretten-Döschen steht unter anderem für die verwendete Bauhaus-Grundform eines Quadrats, nebst Halbkreis, Dreieck, drei dekorierenden Streifen und die ebenso typischen Kugelfüßchen.

Klaus Blechschmidts Leistung, die diese Ausstellung widerspiegelt, besteht im Sortieren der Ruppel-Produkte aus der Brandt-Zeit: Er kann nachweisen, welche zweifelsfrei von der Designerin entworfen wurden, bei welchen sie eher korrigierende und verändernde Hand anlegte (Tellerchen oder Buchstützen) und welche mit ihr so gar nichts zu tun haben.

Da gibt es zum Beispiel, in einer Ruppel-Vitrine, die das 1929 im Leipziger Grassi-Museum ausgestellte Sortiment nachstellt, eine eher geschmacklose Minibar in einer Gewichtheberkugel. Brandt machte daraus eine schlichte elegante Kugelbar.

Die Firma Ruppel ging mit ihrer Chefdesignerin durchaus nicht hausieren. Im Gegenteil: Jenseits des Einstellungs- und des Entlassungsbriefes verwies nichts auf Marianne Brandt. Ihr wiederum war es durchaus peinlich, mit dem „krassen“ Zeug in Verbindung gebracht zu werden, das ihre Firma weiterhin produzierte.

Bauhäuslerin par excellence

Das belegt ein Schreiben an Bauhaus-Gründer Walter Gropius. Der erkundigte sich 1935, im Londoner Exil, inwiefern seine Schüler die großen Ideen überhaupt noch in die Welt trugen.

Marianne Brandt, das belegt die Ausstellung, durfte derart als Bauhäuslerin par excellence gelten. Sie vollzog in Gotha den Weg von handwerklicher zur industrieller Produktion nach, den das Bauhaus auf seinem Weg von Weimar nach Dessau vorzeichnete. Brandts Bauhaus ging in Serie.

Durchaus möglich, dass „die schlechte wirtschaftliche Lage“ bei Ruppel, neben objektiven Bedingungen, auch ihr zu verdanken ist. „Sie war mit ihrer Gestaltung Jahrzehnte voraus“, betont Klaus Blechschmidt. „Damit waren die einfach überfordert.“ In einer Zeit der Kuckucksuhren und Plüschvorhänge blieben Brandt-Entwürfe mitunter Ladenhüter. Vieles, was heute Gold wert ist, wurde nach zwei Jahren wieder aus dem Firmenkatalog gestrichen, der legendäre Serviettenständer aus Glas zum Beispiel.

Marianne Brandt ging in der NS-Zeit ins innere Exil, in Chemnitz, und brachte es später, in der DDR, zu einer nur sehr bescheidenden Karriere. Sie starb fast neunzigjährig, beinahe vergessen. Dabei verkörpert sie bis heute das Bauhaus weitaus mehr als viele, die das für sich in Anspruch nahmen.

„Inspiriert vom Bauhaus – Gotha erlebt die Moderne“, noch bis 29. Dezember im Kunstforum Gotha: Dienstag bis Sonntag und Feiertage 10 bis 17 Uhr. Kuratorenführung am 29. Dez., 15 Uhr.

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