Straße der Industriekultur: Eine Brauerei in Eisenach als Industriedenkmal ersten Ranges

Eisenach. Heute ist die ehemalige Aktienbrauerei in Eisenach mit der historischen Mälzerei, dem Sudhaus und dem Bergkeller ein Anziehungspunkt für Bierfreunde und Touristen aus aller Welt

Die Brauereigebäude befinden sich im Südviertel von Eisenach an der Wartburgallee . Das historische Sudhaus aus dem Jahr 1911 mit seinen typischen Kupferkesseln steht heute unter Denkmalschutz und gilt als Wahrzeichen der Brauerei. Der Gär- und Lagerkeller wurde im Jahr 1962 rekonstruiert. Foto: Marco Kneise

Die Brauereigebäude befinden sich im Südviertel von Eisenach an der Wartburgallee . Das historische Sudhaus aus dem Jahr 1911 mit seinen typischen Kupferkesseln steht heute unter Denkmalschutz und gilt als Wahrzeichen der Brauerei. Der Gär- und Lagerkeller wurde im Jahr 1962 rekonstruiert. Foto: Marco Kneise

Foto: zgt

Thüringen ist ein Land voller Traditionen in der deutschen Industrie.

Es sind oft sehr schöne Industrie-Denkmäler erhalten geblieben, die als architektonisches Kleinod von der bewegten Geschichte der Unternehmen erzählen.

Mit unserer Serie zur Straße der Industriekultur wollen wir die schönsten Denkmäler vorstellen und unsere Leser zu einer Fahrt einladen.

Gemeinsam mit der IHK Erfurt, dem Thüringer Wirtschaftsarchiv sowie dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie gehen wir auf Suche nach den interessantesten steinernen Zeitzeugen.

Diesmal besuchen wir die alte Brauerei in Eisenach und die historische Mälzerei.

Bier schmeckt den Eisenachern schon seit dem Mittelalter.

In dieser Zeit jedenfalls erhielten viele deutsche Städte ihre Brauprivilegien - in Eisenach geschah das etwa um das Jahr 1283.

Das Braurecht war später auch unterhalb der Wartburg an bestimmte "Brauhöfe" gebunden - im 18. Jahrhundert zählte man davon in Eisenach immerhin 244. Erst nach und nach entstanden die ersten richtigen kleinen Brauereien, beziehungsweise Zusammenschlüsse von Brauberechtigten. Größere Beriebe nahmen erst im 19. Jahrhundert die Arbeit auf.

Im Jahr 1826 beschloss man, einen Felsenkeller für die Bierlagerung in den heutigen Pflugensberg zu schlagen. Er wurde nach zweijähriger Bauzeit fertiggestellt. Auf dem Areal der Eisenacher Karthäuserstraße kamen 1839 ein eigenes Malzhaus und weitere Brauereigebäude dazu.

1874 schlossen sich die ursprünglich 244 Eisenacher "Brauhöfer" fest zusammen und gründeten einen Brauverein. Das Ergebnis: Ihre Brauerei in der Karthäuserstraße hieß von nun an "Vereinsbrauerei Eisenach".

Doch schon kurze Zeit später - wir zählen das Jahr1886 - wandelte die Brauerschaft die Firma in eine Aktiengesellschaft um. Der neue Name: "Aktien-Brauerei Eisenach".

Eigentlich aber entstand die Brauerei am Ende aus der Fusion mehrerer größerer Betriebe.

Parallel zur Gründung der Vereinsbrauerei hatte sich 1872/73 beispielsweise die Petersberger Brauerei etabliert. Sie wurde 1892 ebenfalls in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.

Auch gab es nebenan die seit 1611 bestehende herzogliche Schlossbrauerei, die bis 1839 im Eigentum der herzoglichen Kammer war. Erst danach wurde sie an eine Bürgervereinigung mit dem Namen "Neuntöter" verkauft, die sie weiter in Privatbesitz veräußerte.

Auch die Schlossbrauerei wurde 1889 schließlich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.

Am Ende schlossen sich mehrere Häuser zu einer einzigen Braustätte zusammen. Die gesamte Bierproduktion erfolgte am Ende in der allein übrig gebliebenen Aktienbrauerei in der Karthäuserstraße (Wartburgallee).

Der umfangreiche Gebäudekomplex wurde parallel in Nord-Süd-Richtung an der Wartburgallee zwischen etwa 1825 und 1914 errichtet. Die letzte große Baumaßnahme stellte der Neubau einer Lagerhalle am südlichen Hofende dar, die 1993/94 errichtet wurde.

Älteste Gebäude sind der Eiskeller von 1828 und die Mälzerei, die als Fachwerkgebäude in Sichtfachwerk vor 1850 (angeblich 1839) als dreistöckiger Bau erbaut wurden.

Die übrigen um den Hof gruppierten Bauten entstanden als Massivbauten in Ziegelbauweise, teilweise durch gemauerte Gesimse, vorgeblendete Lisenen oder Giebelverzierungen im "Rundbogenstil" maßvoll gegliedert.

Herzstück der Brauerei ist das 1908 errichtete Sudhaus, das in seiner zentralen Stellung im Betriebsablauf durch ein großes, fast gebäudehohes Rundbogenfenster zur Wartburg-Allee und ein kuppelähnliches Schieferdach hervorgehoben ist. Im Sudhaus hat sich die Ausstattung und die brautechnologisch bedingte Teilung des Raumes in zwei Ebenen mit Treppenabgang und Geländer genauso wie die Verkleidung der Wände mit den Prägefliesen (Villeroy und Boch) erhalten.

Von der ursprünglichen Erstausstattung ist vor allem das Sudhaus mit seiner Sudhauseinrichtung geblieben. Das Viergeräte-Sudwerk der Firma Schaefer & Langen, Crefeld, gehört zu den selten gut im ursprünglichen Zustand erhaltenen Sudhausausstattungen.

Die der Würzeherstellung vorangehende Schrotproduktion erfolgt über eine Sechswalzenschrotmühle des Typs Excelsior MB 62 der Firma VEB Nagema - Mühlenbau Dresden aus dem Jahre 1953. Diese Mühle ist voll funktionstüchtig und gehört zu den gut erhaltenen Beispielen dieser Baureihe. Die vorgelagerte "Malzputze" stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1952 und kann auch noch betrieben werden. Sie zählt zu den in Deutschland sehr selten erhaltenen Beispielen ihrer Art.

Erwähnenswert ist weiterhin die im Ausstattungsbestand einer Brauerei selten vorkommende einsatzfähige Vakuum-Transporteinrichtung für Malz.

Das Eisenacher Bier hat eine bewegte Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen hinter sich.

Nach 1945 erfolgte die Enteignung und Überführung in Volkseigentum. Der gesamte Betrieb ging 1969 in das Getränkekombinat Erfurt über, wo man sozusagen in Arbeitsteilung ganz Thüringen mit Bier, aber auch mit alkoholfreien Getränken zu versorgen hatte.

Die Eisenacher Brauerei selbst stieß schon in den Fünfzigerjahren an ihre Kapazitätsgrenzen, Anfang der Sechziger begannen deshalb Ausbau- und Umbaumaßnahmen. So wurden beispielsweise neue Stahlgärtanks aufgestellt.

Um hohe Qualität und Menge zu erreichen, musste immer wieder neu nachgerüstet werden. Da sich aber der permanente Mangel auch in diesem Industriezweig auswirkte, hieß es oft genug nur "reparieren" statt ersetzen.

Sowohl in den Siebzigerjahren als auch in den Achtzigern hatte die Eisenacher Brauerei erheblich mit Qualitätsproblemen zu kämpfen. Das betraf besonders das Bier. Und das hatte seine Gründe. Die lagen unter anderem in der zu geringen Dampferzeugung im völlig überalterten Heizhaus. Zudem wurde in den Kesseln nur schlechte Rohbraunkohle verbrannt.

Neben den verschiedensten Bieren produzierten die meisten Brauereien schon damals auch eigene alkoholfreie Getränke. In der Eisenacher Brauerei waren es 1985 ganze zehn verschiedene Sorten - unter anderem Bitter-Tonic, Maracuja oder Hit-Cola.

Nach der Wende hatte auch die Brauerei Eisenach arg zu kämpfen. Obwohl sogar 1989 einige Investitionen getätigt wurden, klagten noch 1990 viele Bietrinker über das schlechte "Helle" von Eisenach. Und so war von 1989 zu 1991 ein erschreckender Rückgang im Absatz auf sage und schreibe 15 Prozent nicht aufzuhalten! Die Verbraucher probierten erst mal das "Neue".

Nur durch deutliche Verbesserungen zu einwandfreier Qualität konnten nach und nach wieder Marktanteile zurückgewonnen werden. Die Eisenacher Brauerei schaffte anfangs den Sprung in die Marktwirtschaft - natürlich kostete das große Anstrengungen und Opfer. Für die meisten der einst 263 Mitarbeiter kam die Entlassung. Zuletzt wechselte der Betrieb immer wieder den Besitzer, bis vor Jahren schließlich das endgültige Aus besiegelt war.

Heute ist die ehemalige Aktienbrauerei Eisenach mit Mälzerei, Sudhaus und Bergkeller ein Kulturdenkmal ersten Ranges. Das hat sowohl künstlerische, technische wie auch städtebaulichen Gründe. Das alte Gemäuer präsentiert sich in der Wartburgallee in einem guten Zustand, ist als Denkmalensemble, Anlaufpunkt für Freunde des Kühlen Blonden sowie kulturelles Zentrum ein echter Anziehungspunkt für Touristen.

Nur eines gibt es leider nicht mehr: Bier, das in Eisenach selbst gebraut wird. Doch auch das nebenan Gebraute schmeckt vortrefflich.

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