Thüringer Denkmalschutzpreis 2012: Gesamtkunstwerk von Weltrang

Der Thüringische Denkmalschutzpreis wird seit 1994 für herausragende Leistungen im Bereich der Denkmalpflege vom Freistaat gemeinsam mit der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen vergeben. Der Preis in der Kategorie Einzeldenkmal ging an die Magdeburger Rita und Volker Kielstein für die Rettung von Haus Schulenburg in Gera, das einst nach den Plänen Henry van den Veldes errichtet wurde.

Das "Haus Schulenburg" war in einem desolaten Zustand, nun wurde es aufwendig und originalgetreu saniert. Damit ist der letzte Bauauftrag Van de Veldes in Deutschland in teilen wieder öffentlich. Foto: Marco Kneise

Foto: zgt

Gera. Als der Geraer Textilfabrikant Paul Schulenburg (1871-1937) auf der Kunstgewerbeausstellung in Dresden 1906 ein Speisezimmer nach Entwürfen Henry van de Veldes erwirbt, sind ihm die Arbeiten des Belgiers vermutlich ein Begriff.

Bereits seit der Jahrhundertwende gilt der 1863 in Antwerpen geborene Künstler als Shootingstar der Moderne, dem die Formensprache des 19. Jahrhunderts mit ihrer prallen Ornamentik und den historischen Wiederholungen nicht mehr genügt. Zudem folgen seine "Entwürfe für das Leben" der Idee eines Gesamtkunstwerkes, das die Reform aller Lebensbereiche einschließt.

Ursprünglich in der Malerei ausgebildet, widmet sich der Flame ab 1892 zunehmend der Architektur sowie der Gestaltung von Möbeln, Textilien, Tapeten, Lampen, Keramik, Schmuck und Büchern. Sogar Eisenbahnwaggons und Kreuzfahrtschiffe stattet er aus und setzt mit seinen Arbeiten Maßstäbe für das Kunstgewerbe.

Bei Paul Schulenburg trifft van de Veldes Intention, "funktionelle Formen und organische Elemente zu entwickeln, mit denen die Industrien die Aufmerksamkeit des abgestumpften Publikums erregen", auf offene Ohren. Zumal sich der Industrielle, der ab 1897 zusammen mit Alexander Bessler eine moderne Woll- und Seidenweberei in Gera betreibt, auch als Kunstmäzen, Orchideenzüchter und Sammler einen Namen gemacht hat. Ab 1913 beauftragt Paul Schulenburg den renommierten Architekten mit der Projektierung seines Wohnhauses "in exklusiver Lage am westlichen Stadtrand der blühenden Industriestadt Gera".

Die Gesamtanlage (heute Straße des Friedens 120) umfasst neben Villa und Nebengebäude mit Hausmeisterwohnung, Wirtschaftsräumen und Garage für Schulenburgs geliebten Maybach das Torhaus sowie eine aufwendig gestaltete Einfriedungsmauer.

Auch die reich ausgestattete Gartenanlage mit Pergola, Spielpavillon für die fünf Kinder der Familie, Teepavillon, Brunnen, Gartenarchitekturen und der liebevollen Bepflanzung lassen keine Wünsche offen.

Haus Schulenburg, von Henry van de Velde kurz vor seinem Weggang im Weimarer Büro projektiert, ist eine der letzten Arbeiten des Bauhaus-Wegbereiters in Thüringen und gilt bis heute als Gesamtkunstwerk von Weltrang.

Dass dieses Kunstwerk mittlerweile wieder wie zu Schulenburgs Zeiten in alter Pracht neu erstrahlt, ist dem Mediziner-Ehepaar Rita und Volker Kielstein zu verdanken. Innen wie außen denkmalgerecht saniert und weitgehend ausgestattet mit originalen Möbeln und Interieur der Entstehungszeit, beherbergt das Hauptgebäude heute ein Privatmuseum mit der europaweit größten Sammlung von Buchgestaltungen van de Veldes sowie Entwurfszeichnungen und Veröffentlichungen des Künstlers und ist zudem Sitz der europäischen Van-de-Velde-Gesellschaft.

Wechselnde Sonderausstellungen, eine Kleinkunstbühne im sorgfältig rekonstruierten Keller und die weitläufige Gartenanlage mit ihren historischen Bepflanzungen machen Haus Schulenburg zu einem Anziehungspunkt für Freunde des belgischen "Alleskünstlers" über Deutschland hinaus.

Als die Kielsteins das Anwesen im Dezember 1996 kaufen, ist Haus Schulenburg von dieser Außenwirkung weit entfernt. Zu diesem Zeitpunkt stehen die zweigeschossige Villa und Nebengebäude, errichtet aus rotem Ziegelstein, seit sechs Jahren leer. Der Garten ist verwildert, die Struktur der Innenräume zu großen Teilen zerstört.

Bereits 1937 hatten Nachfahren Schulenburgs die zentrale Treppenanlage entfernt, um zwei Wohnungen zu errichten. Gravierende Änderungen erfolgen ab etwa 1947 mit dem Einzug der Medizinischen Fachschule, die Vorlesungsräume und zusätzliche Sanitäranlagen für die Studentinnen benötigte.

Dr. Volker Kielstein, in der Geraer Karl-Marx-Allee geboren, kennt die "geheimnisvolle Villa" aus Kindertagen und auch seine Frau Rita erinnert sich noch daran, wie sie als Studentin im verwilderten Garten zwei blaue Blumentöpfe entdeckte. "Die kräftige Farbe, die einfache Form, schnörkellos und funktional, das hat mir gefallen", beschreibt sie ihren ersten Eindruck.

Dass sie damit die Formensprache van de Veldes für sich entdeckt, wird ihr erst später bewusst.

Nach langwierigen Verhandlungen kaufen die Ärzte aus Magdeburg Haus Schulenburg mit dem Ziel, Garten-, Gebäude- und Raumstruktur wieder herzustellen und das Gesamtkunstwerk van de Veldes mit seiner originalen Ausstattung erlebbar zu machen. Ein weiterer Wunsch, in der Villa eine Zweigstelle der Magdeburger Tagesklinik für Abhängigkeitserkrankungen und psychosomatische Störungen einzurichten, scheitert "am lokalen und regionalen Widerstand".

Die Kielsteins lassen sich nicht entmutigen. Schritt für Schritt, mit Unterstützung von Verwalter Karsten Friedrich und vornehmlich regionaler Firmen wird der van de Velde-Bau rekonstruiert. Geleitet von den originalen Bauplänen und dem "Gedächtnis" des Hauses tasten sich die Mitarbeiter an die Originalsubstanz heran, bauen zurück und neu auf, das großzügige Treppenhaus zum Beispiel und das Torhaus, dämmen Dächer, arbeiten Fenster und Fußböden auf und stellen Wandverkleidungen originalgetreu wieder her.

Der wunderschöne Garten mit seinen alten Rosen-, Dalien- und Irissorten, den verschlungenen Wegen, den Pavillons und Brunnen lockt schon 2007 als Begleitobjekt der Bundesgartenschau. Eine Kleinkunstbühne entsteht, ein Café lädt zum Verweilen ein.

Wie ausdauernd die Kielsteins ihr Ziel verfolgen, wie aufwändig die Recherchen sind, ist am Beispiel der Rekonstruktion des Oberlichts im Treppenhaus ersichtlich.

"Bei den Familientreffen der Schulenburgs hier im Haus sagte uns eine Enkelin, sie erinnere sich an das Oberlicht wie an einen Blick in den blauen Himmel", erzählt Prof. Rita Kielstein. Die mündliche Schilderung bestätigt ein historisches Foto, nach der Rekonstruktion mit mundgeblasenen Opalgläsern ist dieser "himmlische Blick" heute wieder nachvollziehbar.

"Wer einen Van-de-Velde-Bau restauriert, lernt automatisch ein Netzwerk von Freunden des Künstlers kennen", sagt Dr. Volker Kielstein. Anders ist nicht erklärbar, dass heute wieder ein Großteil der originalen Einrichtungsgegenstände am authentischen Ort versammelt sind. Betten und Nachtschränke des Schlafzimmers zum Beispiel haben die Kielsteins von einem Sammler in Süddeutschland erstanden.

Die Möbel im Musiksalon, die 1937 mit einer Tochter Schulenburgs nach Brasilien kamen, kehrten über einen Zwischenaufenthalt bei einem Sammler in München 2005 nach Gera zurück. Und die Stühle des Speisezimmers, das Schulenburg 1906 in Dresden erwarb, fanden sich in der Familie des damaligen Chauffeurs des Fabrikanten und wurden von den Kielsteins restauriert.

"Der Tisch allerdings befindet sich im Geraer Stadtmuseum", bedauert Rita Kielstein und nennt weitere skurrile Unwägbarkeiten bei der Spurensuche zum originalen Van-de-Velde-Interieur. Ein Pavillon-Tor des Anwesens, das vermutlich in den 50er-Jahren verschwand, haben die Ärzte zufällig an einer Garage in einem Dorf bei Gera entdeckt, wo es noch heute vor sich hin schlummert. Zwei große Holztüren im rekonstruierten Keller von Haus Schulenburg stammen aus der Bauhaus-Uni Weimar, wurden nach der Sanierung in den Denkmalhof nach Gernewitz gebracht und dort von den Kielsteins gekauft. "Das muss man sich mal vorstellen, sie gehörten zum Weltkulturerbe", zeigt sich Volker Kielstein erstaunt.

Die kunstsinnigen Magdeburger, die für ihr bürgerschaftliches Engagement für Haus Schulenburg am 5. Juli in Erfurt mit dem Thüringer Denkmalschutzpreis geehrt werden, können zu jedem Detail im Haus Geschichten erzählen: zu den Kunstwerken wie den Bronzeplastiken des einstigen Hausherren, zur Bürgeler Keramik nach Entwürfen Henry van de Veldes oder zur umfangreichen Bibliothek, die vielleicht einmal im Turmzimmer ihr Domizil finden soll.

Obwohl die Rekonstruktion im Wesentlichen abgeschlossen ist und Haus Schulenburg nach Einschätzung der Denkmalpreis-Jury "eine Bereicherung der deutschen Kultur- und Denkmallandschaft darstellt", gibt es immer wieder zu tun. "Zum langen Leben gehört ein bisschen Zuversicht", zitiert Rita Kielstein ihre Großmutter und nennt Pläne: Derzeit wird das originale Van-de-Velde-Bad saniert, im Foyer soll ein Kamin eingebaut werden, wie er durch historische Fotos überliefert ist. "Dafür ist das Preisgeld gedacht", sagt Volker Kielstein.

Selbstverständlich haben die Van-de-Velde-Verehrer auch den 150. Geburtstag des Alleskünstlers 2013 im Blick. Gleich drei Ausstellungen sind geplant; zur Baugeschichte, zum künstlerischen Umfeld Henry van de Veldes und zu dessen Buchgestaltungen, Publikationen, Entwürfen und Möbeln.

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