Ungeliebte Denkmale - Tagung der Bauhaus-Universität

Anfang der 1990er Jahre habe man auf der Erfurter ega wohl zu schnell zu viel abgerissen, räumt Manfred O. Ruge ein, der damals Oberbürgermeister war. Der verschwundene Komplex Zentralgaststätte-Glashalle- Rendezvousbrücke steht dafür exemplarisch. Es ist kein Einzelfall. Wertschätzung erfährt DDR-Architektur der 1960er und 1970er Jahre nur mühsam. Ein Symposium in Weimar beschäftigt sich mit dem Erbe der Ost-Moderne.

Auch die Uni-Mensa sollte abgerissen werden. Foto: Candy Welz

Auch die Uni-Mensa sollte abgerissen werden. Foto: Candy Welz

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Weimar. Dass sich, wie in diesen Tagen in Bad Frankenhausen mitzuerleben, die Einwohnerschaft mehrheitlich stark macht für den Erhalt des zum Wahrzeichen gewordenen schiefen Kirchturms, davon können Schöpfer der um 1960 einsetzenden architektonischen Moderne oftmals nur träumen.

Zwar gibt es, wie etwa an der durch bürgerliches Engagement erst jüngst vor dem Verschwinden bewahrten Beethovenhalle in Bonn zu belegen, gegenteilige Beispiele. Aber vor allem im Osten Deutschlands wurden und werden teils noch immer repräsentative, zuweilen ortsbildprägende Bauten, die zwischen Rostock und Suhl in den 1960er und 1970er Jahren entstanden waren, zur Kategorie ungeliebter Denkmale gerechnet. Dass einige davon dank beherzten und beharrlichen Eintretens Einzelner und kleinerer Gruppen inzwischen doch in die offiziellen Denkmallisten aufgenommen wurden, sei unbedingt erwähnt. Dass dies oft erst in allerletzter Minute geschah, um so andere Begehrlichkeiten erst einmal stoppen zu können, aber auch.

Natürlich wird es ein ewiges Diskussionsthema sein, ob beispielsweise die Warenhausarchitektur jener kurzen Epoche bewahrenswert ist. In Leipzig entschied man sich gegen das als "Blechbüchse" bespöttelte "konsument"-Warenhaus in der Nähe des Hauptbahnhofs. Vor dem Abriss allerdings sicherte man dessen unverwechselbare Aluminium-Fassade. An dem derzeit entstehenden neuen Kauftempel wird diese wieder einen Platz finden. Eine nicht minder publikumswirksame Gruppe Neubauten in jener Zeit waren Stadthallen oder Häuser der Kultur. Jenes in Erfurt, das den inzwischen begrünten Hirschgarten an der Thüringer Staatskanzlei krönen sollte, kam über das Rohbaustadium nicht hinaus. Derweil bangt man in Dresden, ob der dortige Kulturpalast, zweifellos sanierungsbedürftig und auch verbesserungswürdig in der Akustik, erhalten bleibt oder radikale, den Ursprung verfälschende Eingriffe erfahren wird.

Mit dem längst nicht allein von Fachleuten vehement umstrittenen Abriss des Palastes der Republik in Berlins Mitte wurde unverbrämter als anderswo klar, dass mit Bauten dieser Ära auch stets die baulichen Zeugen der Ideologie jener Zeit in Frage gestellt wurden. Wohin das "nur weg damit" führen kann, wird allerdings auch an keinem Innenstadtraum so deutlich wie an jenem. Als "Platz ohne Namen" firmiert das Areal, das sich zwischen dem wohl aus Finanznot noch lange währenden palastlichen Riesenloch und dem Fernsehturm am Berliner Alexanderplatz ausbreitet und in dessen Mitte die bronzenen Großskulpturen von Marx und Engels zu sehen sind. Dort geht es inzwischen darum, den Platz wieder baulich historisch nachzuverdichten" oder ihn Erfordernissen heutigen Städtebaus gemäß zu gestalten.

Wie auch immer er später einmal aussehen wird: Für mindestens eine Generation "Zonenkinder", wie Jana Hensel sie im gleichnamigen Buch beschreibt, ist damit Heimat verloren. Nicht anders ergeht es den Menschen, denen die vor nunmehr 50 Jahren eröffnete iga Erfurt ein attraktives Pilgerziel war, dessen bauliche Zeugenschaft seit der Wende erhebliche Lücken erleiden muss.

"Doch die Verlusterfahrungen lösen in geradezu klassischer Weise ein neues Interesse an dem noch Vorhandenen aus", weiß Dr. Mark Escherich. Der Erfurter Denkmalpfleger koordiniert ein Symposium, das die Professur Denkmalpflege und Baugeschichte der Bauhaus-Universität heute und morgen in Weimar veranstaltet. Unter den über 150 Fachleuten sind auch Referenten aus osteuropäischen Ländern, wo man mit weithin deckungsgleichen Problemen konfrontiert ist. Bereits heute (17.30 Uhr) findet im Hörsaal A der Bauhaus-Universität eine öffentliche Podiumsdiskussion zur Vermittlung des baulichen Erbes der Ost-Moderne statt. Entsprechende Ideen waren und sind von einer beeindruckenden Spontaneität und kreativen Vielfalt geprägt. Großangelegten Kampagnen, Kunst in der Galerie oder im öffentlichen Raum, Street-Art, Stadt-Safaris, Dokumentarfilme oder Wohn-Accessoires wie Kissen zum Heulen über die Verluste ostmoderner Architektur gehören dazu.

Den Teilnehmern des Symposiums werden auch Besichtigung und Führung durch die Mensa der Bauhaus-Universität am Ilmpark angeboten, die gleichfalls ein Bauwerk der Ost-Moderne ist. Als man einen Standort für ein neues Bauhaus-Museum suchte, gehörte das Mensa-Grundstück zu den Optionen. Nachdem inzwischen ein anderes Grundstück gefunden wurde, ist der Abriss der Mensa vom Tisch.

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