Böhlener Standortbestimmungen im „Schlauraffenland“

Böhlen  Ulrike Almut Sandig las in der Thüringer Sommerakademie aus ihrem neuesten „Buch gegen das Verschwinden“.

Ulrike Almut Sandig liest in Böhlen. Foto: Karl-Heinz Veit

Ulrike Almut Sandig liest in Böhlen. Foto: Karl-Heinz Veit

Foto: zgt

„Wenn wir morgen früh in diesen Raum zum schriftstellerischen Workshop kommen, dann schwingt noch die Energie dieses wunderbaren Leseabends nach und wird uns inspirieren“, sagte eine Kursteilnehmerin, die zu den etwa 30 Zuhörern zählte.

Ulrike Almut Sandig machte dieses Lob ein klein wenig verlegen, aber sie genoss es, wie alles an diesem Abend, wo sie in der Sommerakademie aus ihrem neuesten „Buch gegen das Verschwinden“ las, eigene Gedichte rezitierte, von sich und ihrer Arbeit erzählte und obendrein noch zwei Liedzeilen singend vortrug. „Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer…“ in ein Gedicht als Zitat eingewoben, wies sie als junge Poetin, Jahrgang 1979, aus mit Basissozialisierung im kleinen, umzäunten Land der blauen Jungpionierhalstücher.

Ihr erstes Gedicht – eine poetische aktuelle Standortbestimmung eigenen Denkens und Tuns- ließ aufhorchen. Schon der bissig-ironische Titel „Schlauraffenland“ als Bezeichnung des aktuellen Deutschlands, das weder „dunkel“ noch „hell“ ist, spricht Bände.

Und dann die besagte, gesungene Zeile: „Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, sondern auch der Türsteher davor, der sagt: Du kommst hier nicht rein!“

Mehr brauchte die Dichterin über die aktuelle politische Situation im reichen Kaufhaus- Deutschland mit „braun verschlammten Straßen“ nicht zu sagen und konnte sich sogleich dem Lesen aus ihrem neuesten Erzählband zuwenden.

Viel Applaus und ein leer gekaufter Büchertisch

Ehe sie jedoch damit begann, ließ sie die Zuhörer wissen, warum Bücher geschrieben werden. „Bücher schreibt man aus der Angst vom Verschwinden heraus“, sagte sie. Das sei die eine Wahrheit, der aber eine zweite folgt.

„Durch Verschwinden tauchen neue Dinge auf“, habe sie beim Schreiben erfahren. Und genau dieser Wandel im Kreislauf (man kann dabei an Goethes „Stirb und werde“ denken) spiegelt sich in den Geschichten wider.

Die sieben, im besten Sprachstil geschriebenen Geschichten gehorchen nicht dem Schema von Anfang- Höhepunkt- Ende- Schluss, sondern folgen einem Weiterleben auf anderer, neuer Ebene. Das kann den Leser in Erstaunen versetzen und zum emsigen Weiterlesen, bis alles weggelesen ist, anstacheln.

Was Ulrike A. Sandig zusätzlich sehr sympathisch macht, ist ihre lesende Darstellungskunst, ohne jede Künstelei.

Mit großen, erstaunten Augen liest das Staunenswerte, mit geballter Faust das Kraftvolle und mit ausgebreiteten, umfangenden Armen jene Stellen, die Liebe und Empathie ausstrahlen. Es ist eine Lust, ihre Stimme zu hören, ihr völliges Dabeisein zu spüren und eine Sprachkultur vom Feinsten geboten zu bekommen. Der Büchertisch wurde leer gekauft.