Buchtipp: Von Bahnhofswirtschaften, Bahnhofsrestaurants und Bahnhofskneipen

Eine literarische Reise zu Bahnhofswirtschaften und Speisekathedralen.

Postkartenansicht vom Speiserestaurant des Leipziger Hauptbahnhofs.

Foto: Verlag Monika Fuchs

Das hat sicher jeder schon erlebt: Man steht frierend auf dem Bahnsteig und wartet auf den Zug, doch der hat Verspätung. Oder fällt ganz aus. Oder man hat ihn, wenn es der Anschlusszug war, gerade verpasst. Nun hat man viel Zeit, die man gern im Warmen bei einer Tasse Kaffee, einer Brühe mit Ei oder einer Bockwurst mit Salat überbrücken würde. Kein Problem: Da kehrt man eben in die Bahnhofsgaststätte ein.

Leider gibt’s die heute kaum noch. Bahnhofswirtschaften, Bahnhofsrestaurants, Bahnhofskneipen, -cafés oder -buffets sind so gut wie ausgestorben. Wenn man Glück hat, findet man einen Backshop, einen Imbiss oder einen Fast-Food-Stand. Gemütlichkeit? – Fehlanzeige!

Das war mal ganz anders. Welche Rolle der gleisangebundene kulinarische Warteraum vor 30, 50 oder 100 Jahren im Leben der Zugreisenden spielte, hat Guido Fuchs in seinem unterhaltsamen Buch „In der Bahnhofsgaststätte – Ein literarisches Menü in zwölf Gängen“ zusammengetragen. Ob kleine Schankstüberl oder legendäre Speisekathedralen – Schriftsteller und Journalisten haben ihnen literarische Denkmäler gesetzt. Diese dienten ja nicht nur der kurzfristigen Befriedigung materieller Bedürfnisse, sondern waren auch Fluchtpunkte und Orte der Begegnung und boten heimlichen Sehnsüchten Raum. Namhaften Autoren waren sie, wie man jetzt nachlesen kann, „Wartesäle der Poesie“.

„Zufluchtsstätten, die immer offen stehen“, nennt sie Peter Utz. Für Italo Calvino vermischt sich dort alles „zu einem einzigen Geruch: dem des Wartens“. Und für Lion Feuchtwanger war der Wartesaal Chiffre für die Situation der Juden während der NS-Zeit – ein Ort, an dem man wartete, auf die Ausreise, die Deportation oder Vernichtung.

„Oh, Sie haben sich vielleicht schon einmal gefragt, worauf die Leute in den Wartesälen warten: Sie glauben wohl, sie warten alle auf ankommende und abfahrende Züge! Oh, wenn Sie nur wüssten, worauf man warten kann. Man kann auf alles warten, was es zwischen nichts und Gott gibt“, schreibt Heinrich Böll.

Da Schriftsteller naturgemäß viel reisen und in der Bahn ungestört nachdenken können, ist die Liste derer, die Bahnhofsgaststätten in ihren Werken erwähnen, lang: von Hans Fallada bis Günter Grass, von Joseph Roth bis Walter Kempowski, von Franz Werfel bis Herta Müller und von Jaroslav Hašek bis Wolfgang Hilbig, um nur einige zu nennen. Bertolt Brechts „Flüchtlingsgespräche“ spielen auf dem Helsinkier Hauptbahnhof, und der große Lew Tolstoi ist bekanntlich auf der abgelegenen Bahnstation Astapowo gestorben, während die aus aller Welt herbeigeeilten Journalisten in der Bahnhofskneipe warteten und zechten.

Nein, das Kulinarische kommt in diesem thematisch gegliederten und reichlich bebilderten Sammelsurium nicht zu kurz. Das „literarische Menü“ folgt allerdings weniger dem Speiseplan, vielmehr den verschiedensten Aspekten vergangener Bahnhofskultur.

Man kann das Buch Kapitel für Kapitel lesen und wird nach kurzweiligen Einleitungen mit abenteuerlichen Geschichten unterhalten. Man kann sich aber auch des Registers bedienen, das die vorkommenden Orte und Autorennamen auflistet, und sich von ihnen überraschen lassen.

Beispiel „Leipzig“. Walter Kempowski beschreibt, wie er zusammen mit anderen politischen Gefangenen bei einem nächtlichen Zwischenaufenthalt in die Leipziger Mitropa geführt wird und dort nichts zu essen und zu trinken bekommt, weil der Kellner sich weigert, ihm einen Zehnmarkschein zu wechseln.

Oder „Karl May“: „Im Bahnhofsrestaurant sitze ich und denke über den Weihnachtsband nach, den ich mit wahrer Begeisterung schreibe“, teilt der sächsische Autor 1897 seinem Verleger mit.

Oder „Tannroda“: Die Thüringerin Edith Heinemann hat die Geschichte des gebildeten Tannrodaer Bahnhofswirts Pfarr aufgeschrieben: „Mir gefiel es hier, alles war einfach und sauber, die Diele gescheuert, Tische und Stühle aus Tannenholz, der Wirt ein offener Mensch.“ Einer, der vor seinen Gästen gelegentlich aus Goethes „Römischen Elegien“ zitierte.

Überhaupt, Wirte! „Wer nichts wird, wird Wirt“, sagt der Volksmund. Man lese hierzu den zehnten Menügang und lasse sich eines besseren belehren. Im elften Gang werden erlesene Speisen und Getränke empfohlen. Und Vorsicht vorm zwölften Gang! Er handelt von durchbrechenden Zügen und anderen katastrophalen Ereignissen.

Meine Empfehlung: Man sollte das Buch unbedingt auf eine längere Zugfahrt mitnehmen. Da hat man, Verspätungen inbegriffen, genügend Zeit und Muße zum Lesen.

Zum Buch

Der Theologe und Publizist Guido Fuchs (Jg. 1953) ist seit der Schulzeit Bahnreisender. In seinem jüngsten Buch hat er sich der Bahnhofsgaststätte in der Literatur gewidmet und lässt sie in ihren verschiedensten Aspekten auf unterhaltsame Weise Revue passieren. Guido Fuchs: In der Bahnhofsgaststätte – Ein literarisches Menü in zwölf Gängen. Verlag Monika Fuchs, 260 Seiten mit Abbildungen, 17,50 Euro

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