„Adolf Hitler: Mein Kampf“ in Weimar uraufgeführt

Weimar. Etwas für den Kopf, aber kein Skandal: Freundlicher Applaus für die Inszenierung von Rimini Protokoll beim Kunstfest.

Die Schauspieler des Berliner Theaterkollektiv Rimini Protokoll während der Fotoprobe zu dem Theaterstück "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Die Schauspieler des Berliner Theaterkollektiv Rimini Protokoll während der Fotoprobe zu dem Theaterstück "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" Foto: Sebastian Kahnert/dpa

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Zum Skandal taugte dieser Abend nicht. Allein schon deshalb, weil in der lange vorab diskutierten Inszenierung zu Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ am Donnerstag in Weimar mehr Zuschauer waren, die dergleichen hätten protokollieren als solche, die es hätten provozieren können: Auf jedem vierten Platz im ausverkauften e-Werk saß ein Journalist; der überwiegende Teil der restlichen Zuschauer ließ sich den Kategorien Honoratioren (von Klassik-Stiftung bis Stiftung Gedenkstätte Buchenwald), Theater oder Kunstfest zuordnen.

Eine breit angelegte dokumentarische Spurensuche

Auch inhaltlich ist die breit angelegte dokumentarische Spurensuche, die die Theatergruppe Rimini Protokoll um „Mein Kampf“ anstellt, mehr etwas für den Kopf als emotionaler, gar demagogischer Zündstoff. Es geht weniger um den Inhalt der Propagandaschrift und noch viel weniger um deren Verfasser, sondern darum, wie sie ankommt. Und was sie zu tun hat mit dem Leben der sechs „Experten des Alltags“, wie Rimini ihre nicht-professionellen Darsteller nennen.

Sechs Menschen erzählen ihre Lebenswege

Und das ist eine Menge. Wo und wie der Nationalsozialismus seine Spuren in den erzählten Lebenswegen dieser sechs und ihrer Familien hinterlassen hat, das ist so vielschichtig und zum Teil skurril, dass man einem fiktiven Stück vorhalten würde, es sei unglaubwürdig oder zumindest überfrachtet.

Da ist der vom Nazi-Thema faszinierte Israeli, dessen Großeltern als einzige in ihrer Familie den Holocaust überlebten - und der „Mein Kampf“ verschlang wie ein Erfolgshandbuch für Manager. Oder die deutsche Anwältin, die „Mein Kampf“ einst abtippte und zu Weihnachten verschenkte, während ihre Schwester zu RAF-Zeiten in den linksradikalen Untergrund abtauchte, weil sie die Verzagtheit ihrer Eltern nicht wiederholen wollte. Und der türkische Hip-Hopper Volkan T Error, der „Mein Kampf“ als türkisches Manga las und vor ein paar Jahren mit Deso Dogg den deutschen einen „Wir sind Deutschland“-Rap aus migrantischer Perspektive ins Mikro rotzte. Deso Dogg kannte man damals als Gangsta-Rapper - heute kämpft er für den IS.

Die Mechanismen des Fanatismus und der Ausgrenzung - das ist eine Erkenntnis dieses Abends - sind dieselben: ob sie sich dem Nationalsozialismus untertan machen, dem linksradikalen „Wir werden siegen“ oder dem so genannten Islamischen Staat. Der Inhalt der Propaganda ist austauschbar. Genau wie die Namen, die zur Melodie von „Auf, auf zum Kampf“ im Lauf der deutschen Geschichte schon alles gesungen wurden: Friedrich Wilhelm, Rosa Luxemburg oder Adolf Hitler, je nach Zeitgeist halt.

Nach zwei Stunden gab es freundlichen Applaus

Nach zwei Stunden erschien die ganze große „Mein Kampf“-Erwartung wie ein Luftballon, in den man hineinpiekst und aus dem es viele bunte Schnipsel rieselt. Im Bild, das sie ergeben, steckt viel drin; vielleicht ein bisschen zu viel. Es ist eine anregende Auseinandersetzung, klug, oft lustig, gelegentlich etwas länglich, der weniger vorsichtiges Einkreisen, dafür radikaleres Zuspitzen allerdings nicht geschadet hätte. Nach zwei Stunden gab es freundlichen Applaus.

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