"Breiviks Erklärung" wurde in Weimar vorgetragen

"Breiviks Erklärung" im Weimarer Lichthaus-Kino ist der Text eines Massenmörders, aber kein Skandal.

Die Schauspielerin Sascha Ö. Soydan steht für das Konzept von Milo Rau: eine Frau, die Deutsch-Türkin repräsentiert die größtmögliche Distanz. Probenfoto: Sascha Fromm

Die Schauspielerin Sascha Ö. Soydan steht für das Konzept von Milo Rau: eine Frau, die Deutsch-Türkin repräsentiert die größtmögliche Distanz. Probenfoto: Sascha Fromm

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Weimar. Eigentlich ist dieser Abend unerträglich: unerträglich langweilig. Und wäre "Breiviks Erklärung" nicht aufgeladen durch den Umstand, dass dies die tatsächliche Selbst-Erklärung des tatsächlichen 77-fachen Massenmörders vor einem Gericht in Oslo ist, dann würde sich kaum jemand diesem Text aussetzen. Ein eklektizistisch zusammengeschraubtes Weltbild, in dem sich der ideologisch motivierte Massenmord als Teil einer langen Erzählung menschlichen Freiheitskampfes geriert. Ein Freiheitskampf des durch "Multikultilarismus" zum jeweils "indigenen Volk" erklärten Europäer, ein Freiheitskampf, in dem Sitting Bull vorkommt, Uwe Mundlos und eben Breivik als vorläufiger Höhepunkt.

Der Text ist im Internet frei zugänglich, nun hat ihn der Schweizer Milo Rau, in einer weiteren Version seiner "Reactements", der Theatralisierung realer historischer Vorgänge, öffentlich präsentiert. Als Teil des Weimarer Projektes "Power and dissent" sollte das ursprünglich im E-Werk des Nationaltheaters stattfinden, bis der Geschäftsführer Thomas Schmidt das untersagte. Die Verlegung in das Lichthaus-Kino, also etwa 50 Meter weiter, ist am Ende rein symbolisch. Es ist jedoch unlauter, den Interims-Leiter des Nationaltheaters zu kritisieren, weil er den umstrittenen Vorgang nicht auf die Verantwortung des subventionierten Landestheaters nehmen wollte. So wie es unlauter ist, ein gewisses, gefühltes Unbehagen an diesem Podium für den Massenmörder zu diskreditieren.

Den ehrlichsten, wenngleich ungewollten, Kommentar dazu lieferte Harald Welzer. Der Soziologe war Teilnehmer des Kongresses und diskutierte im Anschluss an die Vorführung, selbstverständlich befürwortend, mit dem Publikum. Und ehe die Debatte begann, attackierte er mit unbeherrschter Aggression die Fernsehteams, die ja doch über eine öffentliche Veranstaltung berichten wollten, die von der Notwendigkeit einer alles und alle umfassenden Öffentlichkeit handelte. Was also bedeutet, dass der Protagonist dieser Öffentlichkeit sich sehr wohl bewusst war, wie heikel das ist, wie sehr er befürchtete, eine dokumentierte Äußerung zu hinterlassen, die wiederum eine größere Öffentlichkeit gewinnen könnte.

Und was erlebte diese kleine Öffentlichkeit?

Eine seriöse, minimalistische Inszenierung, denn natürlich ist alles, was auf einer Bühne stattfindet, Inszenierung. Die Schauspielerin Sascha Ö. Soydan steht für das Konzept von Milo Rau: eine Frau, die Deutsch-Türkin repräsentiert die größtmögliche Distanz. Die Darstellerin sitzt an einem Tisch und wird live an eine Videowand projiziert: am Tisch der wirkliche Mensch, auf der Videowand seine Arbeit.

Sie hält den Text gleichsam hoch, sie stellt ihn aus, abstrahiert von der Person Breivik - und gelegentlich kommentiert sie ihn stumm, erklärt so den inneren Grund dieser Aktion: Immer dann, wenn die Substanz eines Satzes, einer Passage mehrheitsfähig scheint, dann ist da eine kleine Pause, ein Blick ins Publikum. Ein Blick, der um Komplizenschaft wirbt, um Einverständnis.

Und bei vielen Menschen gewönne.

Nicht der Text im Ganzen, aber einzelne Haltungen, die Angst vor "Überfremdung", die Islamphobie, sind, entsprechend formuliert, durchaus konsensfähig in der Mitte der europäischen Gesellschaften. Das macht diese bürgerliche Mitte nicht anfällig für Massenmord und Lynchjustiz, aber es zeigt, ins Monströse projiziert, das Potenzial solchen Denkens, wenn es seine bürgerliche Konditionierung verliert. Und es hat etwas Erschreckendes, dieses Potenzial in dem inkommensurablen, verschrobenen Kontext eines Massenmörders zu entdecken. Allerdings, die Konsequenz daraus kann nur die Debatte über diese Ängste sein, nicht ihre Verteufelung.

Nein, dieser Abend war kein Skandal, seine Fragestellungen sind soziologisch so legitim wie sinnvoll. Der Sinn dieser Aktion ist die Debatte über sie.

Und das Tröstlichste dieses Abends, dieses Textes ist seine Langeweile. Allerdings, das sagten sie damals auch über "Mein Kampf".

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