Das Chaos der Gesellschaft wird zum Chaos auf der Bühne

Jena. Henryk Goldberg über ein Experiment des Theaters Jena. Sein Eindruck: "Sepsis - Das System ist vergiftet". Ein kurzes, aber sehr langes Experiment.

Eine schräg-schrille Wer-hat-den-schlechtesten-Geschmack-Party, in der die Darsteller weniger ihre Figuren, sondern vor allem sich selbst als Peinlichkeit vorführen. Foto: Joachim Dette

Foto: zgt

.Der Mann verschüttet etwas Kaffee aus seinem Becher. Die Frau im weißen Kittel schreit. Ob das die Schlaue Maus ist? Denn der Mann vom Zentrum ist gekommen, um die Schlaue Maus zu holen. Jedenfalls, die Frau schreit und tanzt zum Papierspender, mit dessen rituell empfangenen Gaben sie dann den Boden wischt. Denn sie kämpfen hier gegen die Sepsis mit den alten Methoden, Sauberkeit und so - aber die helfen nicht mehr. Doch die Schlaue Maus hat sich was ausgedacht und deshalb ist der Mann vom Zentrum da.

Da hat jemand im Theaterhaus Jena eine Idee gehabt, die ist bestechend: Die Sepsis, die Blutvergiftung, ist eine Immunreaktion des Körpers, und am Ende tragen die aktivierten Immunsysteme zum Tod des Organismus bei (von Richtigstellungen durch sachkundige Mediziner bittet der ohnehin geplagte Berichterstatter abzusehen).

Wie eine Comedy, nur nicht so lustig

Und dieses Chaos, das die körpereigenen Abwehrkräfte schaffen und das System schließlich kollabieren lässt (so muss wohl der Gedanke gegangen sein), dieses Chaos nehmen wir einmal als Metapher für diese Gesellschaft, in der funktioniert schließlich auch nichts mehr, in der versagen schließlich auch die implantierten Abwehrsysteme. Da schreiben wir ein bisschen Text, da holen wir uns ein paar Tänzer und dann können wird damit unser Festival "Theater in Bewegung" eröffnen.

Und so geschah es. Was geschah? Diese Inszenierung ist wie ei-ne schrill-schräge Comedy, nur nicht so lustig. Denn in diesem Chaos, das sie zeigen, haben sie immer noch das Bedürfnis, etwas bedeuten zu wollen. Deshalb geben sie sich dem nicht völlig hin; deshalb wollen sie, im Labor, im Krankenhaus, auf der Wer-hat-den-schlech- testen-Geschmack-Party, immer vorführen, dass sie jetzt das Chaos spielen und die Albernheit und die Peinlichkeit.

Aber sie schaffen kaum die als Kunst wahrnehmbare Distanz zum Chaos, zur Peinlichkeit. Sie führen das nicht vor: "Sie füh- ren es aus. "Dieser "nervend "forcierte Ton, dieses bemühte Wir-sind-jetzt-mal-so-schräg"-Gefühl führt nicht die Figuren vor: Nur ihre Darsteller. Weil der Regisseur Moritz Schönecker es nicht einen Augenblick vermag, die Schauspieler gleichsam eine Handbreit "über "den "Text von Simon Meienreis zu erheben. Im Gegenteil, es ist, als stoße er sie dahinein, bis sie, das ist jetzt auch mal eine Metapher, darin verröcheln.

Das immerhin lässt sich von den drei Tänzern, die Zufit Simon choreographiert hat, nicht sagen, die dürfen in ihrer Berufsausübung durchaus professionell sein, wenn etwa eine von ihnen die willenlosen Gliedmaßen der beiden anderen schlenkern und baumeln lässt, dann mag man das für die Visualisierung des Systemausfalls halten.

Dennoch bleibt diese Ebene, der Tanz, vollkommen unverbunden mit dem Schauspiel; das für eine Begegnung verschiedener "theatraler Ausdrucksebenen" zu deklarieren ist, eine intellektuelle und eine ästhetische Hybris. Natürlich, ein Ensemble wie das Theaterhaus Jena legitimiert sich durch das Experiment, und jedes Experiment, das macht es aus, trägt das Risiko des Scheiterns in sich.

Aber ein wenig Übersicht darf es dennoch sein, halten zu Gnaden. Die Gesellschaft deliriert und das Zentrum ist beunruhigt, nun gut. Aber deshalb muss doch das Theater nicht ins Delirium fallen. Diese 90 Minuten sind eine Stunde zu lang.

Nächste Vorstellungen: 26. Oktober, 15./ 16. November, Eintritt 14 Euro

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