DNT Weimar: Ein neuer "Faust", dem nichts fehlt als ein Faust

Weimar. Hasko Webers Inszenierung am Deutschen Nationaltheater Weimar ist kurzweilig und entspannt - aber ihr fehlt die Mitte.

Lutz Salzmann (links) als Faust und Sebastian Kowski als Mephisto in Johann Wolfgang Goethes "Faust - Der Tragödie Erster Teil" auf der Bühne des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Foto: Marco Kneise

Lutz Salzmann (links) als Faust und Sebastian Kowski als Mephisto in Johann Wolfgang Goethes "Faust - Der Tragödie Erster Teil" auf der Bühne des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Foto: Marco Kneise

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Der hat schon abgeschlossen. Der greift sich nur noch an den Kopf, hustet, bellt, er habe nun ach, und wozu das Ganze. Und lacht, lacht wie einer, der am Ende ist. Greift sich seine Tabletten, das Einzige, was bleibt. Obwohl, "Bin ich ein Gott?!", das ist die letzte Hoffnung, da richtet er sich noch einmal auf. Doch es sind wohl nur die teuflischen Tabletten. Hinten wartet schon der lebendige Teufel.

Und als das Häufchen Elend dann zur finalen Rettung greift voll Angst, da singt das Team hinten vom auferstandenen Christ. Denn wenn der Typ jetzt den Abgang macht, dann haben sie ihren Job verloren. Und wir fragen uns, weshalb dieses erstklassige Team Mephisto solch einen Aufstand macht wegen dem da.

Faust ist ein besondrer Stoff, hier in Weimar zumal. Und Hasko Weber lächelt bei seiner ersten künstlerischen Begegnung mit der Stadt ein wenig darüber. Die lustige Person im Vorspiel erläutert, wie es ihr geht - "Ganz viel Spei". Der Dichter Krunoslav Sebrek posiert als weitere lustige Person, und Roswitha Marks, "die ‚Abonnentin", klaut dem rauchenden Impresario Elke Wieditz etwas Text für den volkstümlichen Kommentar zum Zustand unserer deutschen Bühnen.

Der fängt schon mit dem Ende an

Dann wird es ernst. Und da, wo dieser Abend ernstlich überzeugend ist, da ist er heiter. Und wo er ernst ist, überzeugt er nicht.

Die sich ändernde Wahrnehmung der Faust-Figur ist ein Indikator der gesellschaftlichen Selbstwahrnehmung. Und so hat es Konsequenz, dass Faust schon länger das Symbol der Hybris dieser Gesellschaft ist, die kein Ziel mehr kennt als die maßlose Optimierung des Ich.

Weber treibt die Konsequenz noch ein Stück weiter: Dieser Faust hat alles Hoffen, alles Suchen schon hinter sich, der tut nicht einmal mehr so, als wolle er sich verbinden mit etwas anderem als: Ich. Der fängt schon mit dem Ende an, der ist, als Figur, schon fertig, der ist sich eines "rechten Weges" schon lang nicht mehr bewusst.

Der braucht einen Teufel nicht mehr als Verführer, der mordet Valentin von selbst, der braucht ihn nur so, wie wir den Jackpot brauchen. Wenn dann doch der Teufel singt "Einmal um die ganze Welt, mit den Taschen voller Geld", dann hat er uns alles erzählt über die Träume, die dieser Faust noch träumt.

Das ist schon eine Konzeption, das ist schon eine Beschreibung von Wirklichkeiten. Es ist aber auch ein Problem. Nicht, weil es nicht so wäre, nicht, weil die Figur von Goethe so brutal nicht geschrieben ist: Weil es dem Spiel im Wege steht, dem Theater.

Das sagt sich schwer über einen Schauspieler, der als Faust in Weimar debütiert, indessen: Lutz Salzmann ist in diesen drei Stunden eine künstlerische Leerstelle, eine dramaturgische Konstruktion. Alle, fast alle, dürfen spielen und können es auch, alle, fast alle dürfen sich präsentieren und haben ihre "Nummern". Nur Salzmann exekutiert, demonstriert ein Konzept, das sich bleischwer auf die Vitalität, die Möglichkeiten des Schauspielers legt.

Der muss sich einen Abend lang durch den Text rattern, der muss seinen Text unterlaufen, denn, das ist gewollt, gespielt, wir glauben ihm kein Wort. Und verlieren deshalb ein wenig auch die Lust, ihm zuzuhören. Der ist niemandes Partner oder Gegner, nicht als Figur, nicht als Schauspieler. Die anderen brauchen ihn auch nicht, das gut aufgelegte Team Mephisto hat beinahe etwas von Bulgakows Team Volant.

Nur Margarete, die brauchte ihn.

Nach der Pause präsentiert Oliver Helf eine alte Kulissenbühne, ein ironisches Zitat, als wollten sie sagen: Jetzt kommt die hoch berühmte Liebesgeschichte. Und sie kommt nicht, natürlich nicht. Sie kann nicht kommen, denn dieser Faust kann nicht lieben.

So spielt Nora Quest ins Leere, wen soll sie schon lieben hier. So werden der Schauspielerin die "Nummern" genommen: den "König in Thule" schnell und aggressiv gegen die Angst, das "Ach neige du Schmerzensreiche..." als Fürbitte für den Erfolg der Abtreibung, sie springt dabei heftig vom Stuhl und kontrolliert den ausbleibenden Erfolg.

Einen Vorteil hat sie allerdings am Ende: Sie benötigt keinen Wahn um die Befreiung zu verweigern, sie müsste wahnsinnig sein, dem zu folgen. Und so sind zwei entscheidende Faktoren für die Vitalität eines "Faust", eben Faust und Margarete, der Konzeption geopfert.

Und dennoch ist das ein weitgehend kurzweiliger, entspannter Abend mit viel Applaus für das Ensemble und einigen "Buhs" für seinen Regisseur.

Und dass Hasko Weber das ist, ein Regisseur, das zeigt er mit dem Rest der Truppe, die blub-bernd vor Spiel-Lust Auerbachs Keller für den Chef inszeniert, die Hexenküche und Walpurgis mit Projektionen einer delirierenden Disko-Nacht durchzieht, immer intelligent auf das Wesentliche reduziert.

Sebastian Kowskis Mephisto ist ein deftiger Mallorca-König in einem der letzten seiner guten Jahre, lässig, souverän, ein sehr irdischer Spielmacher ohne Teufelskram. Kowski hat eine dominierende Präsenz, als Figur wie als Schauspieler. Und wenn er mit Frau Marthe - Birgit Unterweger, die hier schon einmal ein Gretgen war mit gaukelnder Geilheit - sehr heftig kopuliert, dann ist das wie das parallele Satyrspiel zur Tragödie, die es nicht gibt.

Ein kurzweiliger, ein entspannter "Faust". Um auch ein spannender zu werden, hätte er einen Faust benötigt.

Nächste Aufführungen am 13. und 15. September. Karten: 28 bis 65 Euro.

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