"Emilia Galotti" in Weimar war nicht dumm, nicht schlecht, nicht interessant

Nicht, dass der Abend dumm wäre, im Gegenteil. Nicht, dass Thirza Bruncken nicht inszenieren könnte, im Gegenteil. Nicht, dass das Ensemble schlecht wäre, sehr im Gegenteil. Und: nicht, dass diese Emilia Galotti interessant wäre. Im Gegenteil.

Von links nach rechts: Johannes Schmidt als Odoardo Galotti, Tobias Schormann als Angelo und Jeanne Devos als Emilia Galotti. Foto: Marco Kneise

Von links nach rechts: Johannes Schmidt als Odoardo Galotti, Tobias Schormann als Angelo und Jeanne Devos als Emilia Galotti. Foto: Marco Kneise

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Weimar. Natürlich ist dieser Konflikt ein alter Hut: Die junge Frau, die den Vater um den Tod bittet, um der Verführung und dem Bett des Prinzen zu entgehen, obgleich oder vielmehr weil auch sie die Lust verspürt. Das ist ein Ideal bürgerlicher Tugend, dessen verzweifelte Ehrenhaftigkeit uns nur noch menschenfeindlich scheinen kann.

Aber was ist nun geworden aus der bürgerliche Tugend, aus dem Bürgertum überhaupt?

Wir sind in München, die Bühne (Christoph Ernst) ist tapeziert mit der Bayerischen Staatsbank, 78 Kilometer bis Ingolstadt, zwei Autos, die müssen aus den 60er-Jahren sein, eine Telefonzelle von ebenda.

Ein Mensch mit Lederjacke steigt in einen der Wagen, hinten, wo die Chefs zu sitzen pflegen, und spricht, recht schnell. Indessen, nicht das berüchtigte "Recht gern", die frühe Kammerdiener-Szene ist glücklich gestrichen wie der Maler. Ein anderer kommt, er heißt Marinelli, und die beiden rattern Text, es geht um eine Emilia, die nun heute heiraten wird. Kalt, geschäftig, punktgenau, die beiden hören einander nicht zu, sie reden im Schnellfeuer.

Dann ein Paar von hinten, die Dame mit dem Hündchen. Sie schreiten nach vorn mit Würde und reden Zeug. Dann trippeln sie zurück, nehmen wieder Anlauf, reden wieder Zeug. Die Bühne dreht, da ist eine Sitzgruppe, da sitzen Menschen, die Finalisten des Schnellsprechwettbewerbes. Sie zetern Text, sie drücken Text bis sie rot werden vor Anstrengung, sie hecheln Sätze. Lichtwechsel, sie gehen ab, sie kommen wieder, sie hecheln, sie zetern wieder. Schließlich, einer telefoniert, nimmt eine Maschinenpistole und schießt einen vom Tisch, was er noch mehrfach tun wird, der Mann ist unkaputtbar.

"Sie messen der Logik zu viel Bedeutung zu", sagt jemand, das klingt nach Fassbinder und einer Erklärung des Abends, wie die Panik-Arie nach Rolf Dieter Brinkmann klingt. Und: "Sie überraschen mich auf eine sonderbare Art." Das klingt nach Lessing. Auf eine sonderbare Art.

Man nennt das "dekonstruieren", und erfunden hat es Frank Castorf, als die ästhetische Provokation noch ein Wert an sich war. Texte werden Spielanlass, so etwas wie ein Libretto, das Motiv, das in der Musik verschwindet. Die Botschaft liegt nicht im Text, sie ist in der Form.

Und heißt hier: Chaos. Den zopfigen Konflikt lässt Thirza Bruncken konsequent nicht stattfinden und die Geschichte so gut wie nicht, was stattfindet, ist das Chaos des bürgerlichen Selbstverständnisses, zerfallende Wirklichkeit. Keine, so gut wie keine, Handlung, Szenen, die sehr weitläufig miteinander verbunden sind, so cool, so lässig wie bei Tarantino.

Aber nicht so schön.

Obgleich, es gibt natürlich Momente, Nummern, vornehmlich, wenn sie singen, "Hit the Road Jack" im Supermarkt, da haben sie einander wirklich satt, und Emilia (Jeanne Devos) verabschiedet sich sehr schön und beziehungsreich mit Nina Simones "Ain't Got No/I Got Life". An einer Straßenkreuzung wird gemordet und auferstanden, auch die RAF kommt vor, ein Kinderwagen, ein Auto, dann wird geschossen.

Aber überwiegend nervt es.

Nicht, weil es nicht Lessing ist: Weil es eine Art von Krafthuberei ist - mit einem erstklassigen Ensemble, das an dieser Arbeit gewiss mehr Spannung aufbaut als in einer konventio-nellen "Emilia Galotti" und engagiert um dem Abend kämpft.

Es hat Konsequenz, dass in dieser Dekonstruktion des bürgerlichen Heldenlebens nicht Emilia, sondern Marinelli der Protagonist ist, bestechend in seiner coolen Lässigkeit Michael Wächter. Sie alle, Johannes Schmidt, Petra Hartung, Hagen Ritschel, Markus Fennert, Felicitas Breest und Tobias Schormann sind vorzüglich. Erstklassiges Handwerk. Auch, wenn die Erzählung, jenseits der Songs, eher nonverbal ist, wenn Sprache Geräusch wird. Wer den Text allerdings nur dunkel aus seiner Schulzeit erinnert, wird nach diesen zwei Stunden nicht recht wissen, was da erzählt wurde.

Lauter Bürgerkultur, die Wutbürger macht, lauter Chaos.

Lauter Langeweile.

  • Nächste Vorstellung: 17. November

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