Erfurter Opern-Inszenierung stellt Frage nach Schuld und Vergebung

Erfurt  Máté Sólyom-Nagy stirbt in jeder Vorstellung der amerikanischen Oper „Dead Man Walking“ als verurteilter Mörder durch eine Giftspritze.

Máté Sólyom-Nagy in der Hauptrolle der Oper „Dead Man Walking“.

Máté Sólyom-Nagy in der Hauptrolle der Oper „Dead Man Walking“.

Foto: Paul Ader

Hineinsteigern in die eigene Wut oder die große Trauer, das lässt sich machen. Dazu ist man ja Schauspieler und erprobt, seine Gefühle auf die Bühne zu bringen. Was aber tun, wenn es um das Wissen geht, in wenigen Tagen wird das eigene Todesurteil vollstreckt? Nach Jahren im Gefängnis erwartet einen die Giftspritze?

„Darauf kannst du dich nicht vorbereiten. Das Gefühl kann niemand nachempfinden, das ist so weit weg von allem, was man kennt“, sagt Máté Sólyom-Nagy. Er wird es dennoch versuchen und in der Oper „Dead Man Walking“ in der Rolle des Vergewaltigers und Mörders Joseph De Rocher einmal mehr an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit gehen.

Und das bereits in den Proben für die Oper von Jake Heggie, die ihre Premiere am Samstag, 23. März, am Erfurter Theater feiert in der Regie von Markus Weckesser. In seiner Rolle als Joseph hat Máté Sólyom-Nagy ein junges Pärchen vergewaltigt und ermordet. Die Ordensschwester Helen bietet ihm Hilfe und ihren geistlichen Beistand an. Ein Gnadengesuch, die Auseinandersetzung mit den Eltern der Opfer und das Ringen um ein Geständnis des Täters wird auch für Helen (Gastsolistin Antigone Papoulkas) zur existenziellen Frage nach Nächstenliebe und Vergebung.

Helen Prejean (geb. 1939) ist eine der engagiertesten Gegnerinnen der Todesstrafe in den USA und bis heute politisch aktiv. Ihr Buch „Dead Man Walking“, in dem sie 1993 ihre Erfahrungen mit Todeskandidaten schilderte, wurde zum Bestseller und 1995 von Tom Robbins prominent besetzt verfilmt. Komponist Jake Heggie hat den Stoff vertont und nimmt dabei Anleihen bei Filmmusik, Gospel, Blues und Rock. Schuld und Reue, Rache, Vergebung und Menschlichkeit – darum geht es in der Erfurter Inszenierung. „Die keinen Zweifel an der Schuld des Joseph lässt“, sagt der Hauptdarsteller der Oper. Schließlich sei die brutale Tat das erste, was das Publikum sehe, wenn sich der Vorhang hebt. Und auch das Ende der Oper ist von vornherein klar: Joseph wird sterben in der Todeszelle – „am 4. August um Mitternacht“, wie es ihm der Gefängniswärter mitgeteilt hat.

Was sich aber dazwischen entspanne in dieser meisterlich komponierten Oper, sei im besten Sinne beeindruckend und lasse das Publikum ebenso nachdenklich wie unterhalten zurück, sagt Kammersänger Sólyom-Nagy: „Das Publikum wird geflasht sein“, ist er überzeugt.

Dekoration und Kostüme indes werden dabei nur eine kleine, untergeordnete Rolle spielen. Die Ausstattung von Hank Irvin Kittel nehme sich wohltuend zurück: „Anlass, gefesselt zu sein, gibt es auch ohne dies genug“, sagt Sólyom-Nagy. Die Konzentration liegt auf der unter die Haut gehenden Geschichte, die keines detailliert nachgebauten Gefängnistrakts mit Gitterstäben oder groß-übertriebener Gesten bedürfe. „Da gibt es nichts Ablenkendes vom eigentlichen Thema: Es geht um Kopf und Herz und wie zwei Menschen zueinander finden“, erklärt er.

Rührend schön auskomponiert nennt Máté Sólyom-Nagy die Musik. Vor- und Nachteil gleichermaßen für ihn als Darsteller, ist für ihn diese Präzision der Oper, in der jede Geste, jeder Atemzug, sogar der Herzschlag des Protagonisten in Noten und Rhythmus fixiert ist. Wobei es sich um eine eigentlich althergebrachte, klassische Komposition handelt, nichts verstörend Krasses, Kompliziertes oder Fragmentarisches – sondern gradlinig mit Arien und Ensemblenummern erzählt. „Sehr amerikanisch“, nennt der Sänger das Stück, in dem der Komponist sehr eindringlich mit seiner Musik die Gedanken lenke.

Haben wir das Recht, jemand anderem das Leben zu nehmen und ihn hinzurichten? Selbst wenn diese Person ein Mörder ist? Diese Frage habe in den letzten Wochen schon reichlich Stoff für Diskussionen im Theater unter den Kollegen geboten – und werde sich nach jeder Vorstellung gewiss auf das Publikum übertragen.

Premiere am Samstag, 23. März, 19.30 Uhr; Werkeinführung in „Dead Man Walking“ am Sonntag, 17. März, 11 Uhr.