„Evita“ in Nordhausen: Ikone auf der Showtreppe

Nordhausen.  Stehende Ovationen für Premiere des Webber-Musicals. Doch kennste eine Inszenierung, kennste gleich alle.

Jörg Neubauer (Perón) und Femke Soetenga (Evita)  im Musical von Andrew Lloyd Webber im Theater Nordhausen.

Jörg Neubauer (Perón) und Femke Soetenga (Evita) im Musical von Andrew Lloyd Webber im Theater Nordhausen.

Foto: Marco Kneise

Es ist wie immer: Erst bejubelt auf der Bühne das Volk von Buenos Aires Evita, die Ikone, dann bejubelt das Volk im Theatersaal „Evita“, das Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice. Wo es aufgeführt wird, erntet es, auch nach mehr als vier Jahrzehnten, stürmischen Applaus. Und bei einem Premierenpublikum wie in Nordhausen, das mit stehenden Ovationen für sein Musiktheater selten geizt, hat es insofern leichtes Spiel.

Obschon das stets hart erarbeitet werden muss. „Evita“ stellt an Darsteller musikalisch höchste Ansprüche. Und denen wird das Ensemble in Nordhausen alles in allem doch mehr als gerecht, von ein paar Artikulationsproblemen hier und dort mal abgesehen. Henning Ehlert hält das alles mit dem Loh-Orchester, so zwischen Tango-, Salsa- und Walzer-Klängen sowie opernhafter Dramatik, sehr gut im Fluss.

Sein Publikum lässt das Musical mit Anspruch aber doch weitgehend in Ruhe. Es gibt vor, eine historisch verbürgte und bis heute andauernde Ikonografie zu hinterfragen, ersetzt sie aber dabei einfach durch eine neue: Evita, „halb Heilige, halb verführerischer Vamp.“ Bilder eines einst einzigartigen und auf der Bühne inzwischen oft kopierten Lebens ziehen, zwischen 1935 und 1952, statisch sowie vorhersehbar an uns vorüber. Kennste eine Inszenierung, kennste alle!

Dem hat auch Opernchefin Anette Leistenschneider wenig entgegenzusetzen. Sie kann nur als Profi, der sie ja durch und durch ist, „gemeinsam mit unseren Gewerken dieses überaus aufwändige Musical auf die Bühne unseres Nordhäuser Theaters“ bringen, wie wir im Programmheft lesen. Sie kann dabei dessen Leistungsfähigkeit beweisen. An der bestand aber auch zuvor kaum ein Zweifel.

Volksführer als Volksverführer

„Evita“ ist ein Kraftakt, den das Haus fraglos bewältigt. Aber der Berichterstatter kann nicht anders als sich gelangweilt zu fragen: Wozu? Weil das Musical vielleicht behauptet, eine Parabel zu sein über Volksführer als Volksverführer?

„Halt dich raus aus dem Parteienstreit“, singt Evita ihrem Gatten, Juan Perón, entgegen. „Dir bringt man auf dem Tablett die Macht, wenn das Volk den starken Mann verlangt.“ Und dieses Tablett ist sie selbst. Aber die Schlüssellochperspektive, die man hier einnimmt, führt uns weniger in die Gosse, aus der sie stammt, als auf den Boulevard, auf dem sie strahlend zugrunde gehen wird.

Dieses Musical gibt sich politisch brisant und ist doch nur kitschig privat. Es erklärt nicht, es zeigt. Es erzählt nicht, es berichtet. Es wirft Eva Perón die Show vor und stellt sie gleichsam auf die Showtreppe. Man fühlt diese Absicht und ist verstimmt.

Das Volk war Kulisse für Evita, so hören wir‘s. „Evita“ ist Kulisse fürs Volk, so sehen wir‘s. Auch in Nordhausen. Bühnenbildner Wolfgang Kurima Rauschning entwarf dafür, unter vielem anderen mehr, drei Hausfassaden mit Balkonen, die einen Hof bilden, sowie die Balkonfassade des rosafarbenen argentinischen Präsidentenpalastes. Kostümbildnerin Anja Schulz-Hentrich steuert eine Menge eleganter Kleider oder Uniformen bei. „Evita“ ist nun einmal eine Ausstattungsschlacht.

Darin tun an vorderster Front Musicalprofis ihren Dienst. Femke Soetenga, die Evita zuletzt in Dresden sang, bedient nun in Nordhausen die Palette vom trotzig-unartigen halben Kind in der Provinz, das sich in der Hauptstadt zur Diva hochschläft, bis zur schmerzensreich Leidenden und krankhaft Wahnsinnigen, den frühen Tod vor Augen. Das hat sie alles drauf. Einen inneren Konflikt, eine Spannung kann aber auch sie dem Musical nicht abtrotzen.

Das füllt Häuser und leert die Sinne

Dergleichen haben Webber und Rice gleichsam nach außen verlegt, in die höhnisch-spöttische Erzähler- und Kommentatorenrolle eines gewissen Che, der immer mitmischt, sich aber nie einmischt. Dieser dramaturgische Einfall, der das Brecht-Theater zitiert und dabei verzwergt, ist von jeher das Problem des Stückes gewesen, ermöglicht einem Musicaldarsteller aber eine durchgehend tragende Rolle.

Hier füllt sie Marc Lamberty, wie wohl schon in Graz, nach allen Regeln seiner Kunst aus: der kämpferisch-wilde Außenseiter, der zum Insider und Spielmacher gerät. Er ist, das ist inzwischen ein „Evita“-Trend, kein Abbild Che Guevaras, sondern sein verallgemeinertes Zitat. El Commandante selbst taucht derweil als ein, in Buenos Aires real existierendes, Graffiti auf der Hauswand auf, das mit Kondomen geschützten Sex empfiehlt.

Besonders schwer hat es Jörg Neubauer als faschistoid-autokratischer Präsident Perón, der hier nur als Schablone vorkommt und ansonsten aufs privat Gefühlige zurückgeworfen ist. Dieser Aufgabe entledigt er sich mit großem Anstand.

Aber das tun sie ja alle, mit Herz und Verstand, in einem zwischen Rockoper und Popmusical schwankenden, gewiss raffiniert durchkomponierten Werk, das, Verzeihung, dennoch ziemlich herz-, hirn- und witzlos wirkt. Es füllt Häuser und leert die Sinne. Es ist schön anzuschauen und anzuhören. Mehr nicht.

Nächste Vorstellungen am 7., 8. und 13. sowie vom 28. bis 31. Dezember.

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