Hebbels "Nibelungen" enttäuschen im Weimarer E-Werk

Hebbels "Nibelungen" sind im E-Werk eine Strapaze ohne Mehrwert. Die Rollen sind weitgehend aufgelöst, die Handlung ist konfus.

Jeanne Devos ist Mitglied des Ensembles, das in Weimar die Nibelungen spielt. Foto: Stephan Walzl

Jeanne Devos ist Mitglied des Ensembles, das in Weimar die Nibelungen spielt. Foto: Stephan Walzl

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Weimar. Die sind schon fröhlich und sie wissen warum. "Wir. Dienen. Deutschland" steht da, und sie stehen auch. Wie ein Mann. Tarnuniform, Marschgepäck, Stahlhelm, Sturmgewehr. Und geile Musik.

"Seit 1832 hat sich vieles verändert", sagt einer, und da erbleichen wir. Nicht des Umstandes wegen, da sind wir ganz d'accord, es ist wegen der dramaturgischen Drohung mit der Diskurs-Keule.

Und in der Tat, jetzt holen sie, der deutsche Soldat hat seinen Klassiker im Tornister, die gelben Büchlein hervor und zelebrieren Albernheiten aus Hebbels "Nibelungen": Dieses krude Zeug kann doch wirklich keiner spielen. Sie tun es nicht. Sie diskutieren Deutschland. Man könnte diesen Abend, den Michael von zur Mühlen im Weimarer E-Werk angerichtet hat, zur Grundlage eines Diskurses über deutsche Gegenwart nehmen und eine Reihe sinnvoller Themen daraus ableiten, deren zentrales ungefähr so ginge: Diese Gesellschaft ist so rat- wie konzeptionslos, sie hat keinen rechten Begriff von ihrer Gegenwart und von ihrer Zukunft erst recht nicht.

Grausam langweilig in missionarischem Eifer

Man könnte das, wenn man davon absähe, dass es sich um Theater handelt. Aber man kann nicht davon absehen, wenn man beinahe drei Stunden im Theater sitzt.

Denn dieser Abend, hinter dem ein engagiertes Ensemble steht, ist grausam langweilig in seinem missionarischen Eifer. Nicht weil der Regisseur auf Friedrich Hebbel und "Die Nibelungen" pfeift: Weil er nervt, weil er Text absondern lässt, der rauscht und tönt wie einst im Mai. Und weil er, anders als mit Brechts "Johanna", im Gegenzug für all die Zumutungen, keine Intensität gewinnt, keinen intellektuellen und ästhetischen Mehrwert.

Es gibt kaum individualisierte Rollen, sie sind weitgehend aufgelöst, und kaum Handlung. Die wenigen Handlungssegmente mit dem originalen Text wird schwer verstehen, wer die Nibelungen-Saga nicht wenigstens im Umriss kennt.

Diese Geschichte von Blut und Ehre, von Verrat und Treue ist mit "deutschem Wesen" aufgeladen wie keine andere, diente zur Projektionsfläche nationaler, "Genesung" stiftender ideologischer Identitätsfindung. Blut, Ehre, Untergang.

In diesen Kontext montiert der Regisseur Texte deutscher Politiker und lässt die Seifenblasen lustvoll platzen, hier lässt er die deutsche Agenda ätzen. Das ist manchmal intelligentes Kabarett, indessen, es hechelt sich durch die Wiederholung, durch die langen Anläufe zu Tode. Und so mag es kein Verlust sein, dass die Textverständlichkeit zuweilen zu wünschen übrig lässt.

Deutschland wird vielleicht wirklich nicht am Hindukusch verteidigt; Theater, das ist sicher, immer auf der Bühne. Sie haben verloren, so wie Deutschland und die anderen am Hindukusch verlieren.

E-Werk Weimar: "Nibelungen" im neuen Deutschland
E-Werk Weimar: "Nibelungen" im neuen Deutschland

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