Kunstfest Weimar: Laiendarstellerinnen schlüpfen in die Rolle der Charlotte von Stein

Weimar. Das Stück "Your Lover Forever" erzählt, was die Anna-Amalia-Vertraute Goethe geschrieben haben könnte.

Im Stück "Your Lover Forever" (so unterzeichnete Goethe einen Brief an Charlotte von Stein) auf Schloss Ettersburg übernehmen Laiendarstellerinnen die Rolle von Charlotte von Stein und antworten Goethe auf seine Briefe. Foto: Thomas Müller

Foto: zgt

Mehr als 1700 Briefe hat Goethe an Charlotte von Stein geschrieben. Er erzählt ihr, wie er abends Eierkuchen aß und danach "herrlich schlummerte". Er will ihr eine Haarsträhne schicken, traut sich aber dann doch nicht. Er klagt voller Verdruss, dass er mit einer Operette nicht vorankommt. Und haut im Herbst 1786 mir nichts, dir nichts nach Italien ab.

Und was hat Charlotte von Stein ihm geantwortet? Wir wissen es nicht. Goethes Briefe sind erhalten, ihre sind es nicht.

Lästern über die Neue: "Alles an ihr war rund"

Das ist die vielversprechende Konstellation, die dem Projekt "Your Lover Forever" zugrunde liegt, das Freitag auf dem Weimarer Schloss Ettersburg uraufgeführt wurde, als Produktion des Kunstfestes und des Schauspiels Frankfurt. 14 Autorinnen, von Sibylle Berg über Kathrin Röggla bis Ursula Krechel, haben sich in Charlotte hineinversetzt und Goethe geantwortet.

Entstanden sind wunderbar vielfältige und kluge Texte, mal witzig, mal pampig, schlagfertig, lüstern, abgeklärt oder philosophisch. Diese Frauenstimmen zu lesen, ist ein großer Gewinn, weswegen man sich das schön gestaltete Programmheft (das auch Goethes Briefe enthält) unbedingt kaufen sollte. Auch, weil die Briefe der heutigen Charlotten in der Inszenierung von Lily Sykes ein wenig untergehen.

Die junge Regisseurin lässt neun Laiendarstellerinnen aus Weimar und Frankfurt - fast alles Damen reiferen Alters - und einen sehr jungen blonden Goethe (Anton Rubtsov) aus den Briefen lesen. Und zwischendurch singen, tanzen, giggeln, Türenknallen, Löffelklimpern und ein totes Eichhörnchen auf einem Silbertablett bewundern.

Das ist ganz unterhaltsam, die Damen sind charmant, aber wenn dann Horst Manfreds und eine Liebesgeschichte auftauchen, die an den "geteilten Himmel" erinnert, doch ein bisschen viel Gedöns - dafür, dass die spannungsvolle Beziehung und die Charlotten-Vielstimmigkeit für sich so viel hergeben.

Wie man nach der Pause sieht: Da konzentriert sich das Stück auf die Entfremdung nach Goethes Italien-Abreise. "Lieber Freund", schreibt Ursula Krechels Charlotte: "Es scheint, dass sie ein ehemaliger Freund gewesen sein werden. Das Du ist perdu. Ich habe Reserviertheit wie eine Stola um die fröstelnden Schultern gelegt." Szenenapplaus im ausverkauften Gewehrsaal des Schlosses.

"wir haben damit aufgehört, hast du beschlossen", legt Kathrin Röggla in gewohntem Röggla-Stakkato nach. "es herrscht jetzt goethe-stille, hast du beschlossen und dann habe auch ich das briefschreiben in deine richtung abgeschafft."

Gelächter gab es für die Lästereien gegen Goethes Neue ("alles an ihr war rund) und die hübsche ironische Volte zum Schluss, bei der Weimars Anna Amalia-Verfechter Ettore Ghibellino wohl juchzend in die Luft gesprungen wäre: "Frau von Stein war nicht die Geliebte Goethes", tönte es aus dem Off: "sondern loyale Vertraute der Herzogin Anna Amalia und in diesem Zusammenhang Strohfrau." Applaus und Bravorufe.

!Montag um 19.30 Uhr, Schloss Ettersburg (ausverkauft). Programmheft: 8 Euro.

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