„Moskau-Petuschki“ wird in Meiningens Kammerspielen zum zärtlichen Theaterabend

Meiningen  Regisseurin Martina Gredler und Dramaturgin Jana Schulz haben aus dem anspielungsreichen, zugleich unglaublich witzigen und melancholischen Text, der im Kern ein Monolog mit inneren Dialogen ist, ein Stück für vier Schauspieler in den Meininger Kammerspielen gebaut.

Reinhard Bock als Wenja Jerofejew und Meret Engelhardt als Leidensgenosse in den Meininger Kammerspielen. Foto: Erhard Driesel

Reinhard Bock als Wenja Jerofejew und Meret Engelhardt als Leidensgenosse in den Meininger Kammerspielen. Foto: Erhard Driesel

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Da liegt was rum, oder vielmehr: jemand. An zwei dösenden Gestalten vorbei, an Pennern also, geht’s zu den Plätzen in Block A, derweil auf der Tribüne gegenüber, in Block B, zwei ganz ähnliche Gestalten Platz nehmen in Reihe zwei.

Zwei Musiker sind auch eingenickt nahe am Licht, an Kontrabass und Akkordeon. Nachdem es dunkel wurde, singen Antonia Dering und Kevin Sauer aber, auf Russisch, "Steh auf, steh auf, du Riesenland!" Es ist das alte Lied vom heiligen Krieg.

Dazu pulsiert der rote Stern, wie er auf dem Kreml leuchtet, den Wenja noch nie sah, weil er sich stets zum nächsten Schnapsverkauf verirrt.

In diesem Russland jedoch steht niemand mehr auf. "In Russland hebt keiner den Kopf: alle liegen in ihrer Kotze, erdrückt von ihren Sorgen!"

So erklärt es ein Schnurrbärtiger mit Jackett im satirischen Poem "Moskau-Petuschki". Meret Engelhardt wird ihn später spielen. Jetzt aber ist sie erst einmal Wenjas Leidensgenosse, der ihn stützt, während dieser sich röchelnd und schwankend erhebt auf der Tribünentreppe, die sich in diesem Moment in einem Moskauer Treppenhaus befindet.

Wenja steht auf für den Abstieg. "Ich bleibe unten", wird er später rufen, "und von unten spucke ich auf eure Leiter des gesellschaftlichen Aufstiegs." Dann spuckt er tatsächlich auf die Stufen: ein absichtsloser Tagedieb, der aus dem System und in den Rausch flüchtete.

Cocktails mit Rasierwasser oder auch Bremsflüssigkeit

"Moskau-Petuschki" ist ein berühmt gewordener, tief in Autobiografie getränkter Untergrundtext, den der Dichter und damalige Telefonkabelverleger Wenedikt Jerofejew 1969 über den Telefonkabelverleger Wenja Jerofejew schrieb. In der Sowjetunion durfte er erst zwanzig Jahre danach erscheinen; erstmals publiziert wurde er 1973 in Israel. Der deutsche Verlag preist ihn bis heute als "die hochprozentigste Sauftour der Weltliteratur" an. Alkohol und Weltliteratur spielen darin auch eine gleichberechtigt exzessive Rolle.

Und dies ist mitnichten ein Text über die Schädlichkeit des Alkohols, allenfalls über die Vergeblichkeit. Man kann ihn mit Jerofejew feiern als Segen und Fluch. Der viele Wodka, das Bier, die abenteuerlichen Mixturen (mit Nagellack, Rasierwasser, Bremsflüssigkeit oder auch Antifußschweißpuder) sind ein Transportmittel wie der Vorortzug nach Petuschki, in dem sich das hier abspielt.

Beides führt nicht ans Ziel.

Ein solches gibt es auch schon gar nicht mehr auf dem Leidensweg in einer hoffnungslosen Gesellschaft. Da säuft man sich lieber ins Delirium, wo einem eine Sphinx, der Satan und die Erinnyen begegnen.

Regisseurin Martina Gredler und Dramaturgin Jana Schulz haben aus dem anspielungsreichen, zugleich unglaublich witzigen und melancholischen Text, der im Kern ein Monolog mit inneren Dialogen ist, ein Stück für vier Schauspieler in den Meininger Kammerspielen gebaut. Dabei verabschiedeten sie sich, naturgemäß, von allerhand Details und Passagen, auch vom sprichwörtlich gewordenen leitmotivischen Satz: "Und ich trank unverzüglich."

Das changiert nun zwischen poetischem Erzähltheater und konventioneller Dramatisierung. Aus inneren werden mitunter äußere Dialoge, was der Hauptfigur Spielmöglichkeiten nimmt - um sie anderen zu geben.

Dergleichen hätte es nicht bedurft. Meret Engelhardt, Christine Zart und Peter Liebaug haben auch so genug zu tun und umkreisen den Antihelden mit viel Lust und Hingabe.

Dieser Jerofejew, der Anfang 30 war, als er das Poem schrieb, ist besetzt mit Reinhard Bock, der sich jenseits der 60 befindet. So mögen sie einen frühzeitig Gealterten beschreiben wollen, vielleicht auch einen, der sich aus seiner Zeit fallen ließ.

Wie auch immer, bei Bock ist Wenja sehr gut aufgehoben. Er spielt ihn mit fröhlicher Zärtlichkeit zugleich als staunendes Kind und als so ab- wie aufgeklärten Weisen. Aus der hageren Gestalt rollen treuherzige Augen groß hervor, ein selig verschmitztes Lächeln macht sich breit, die abgedunkelte und angeraute Stimme findet zum verbindlichen Erzählton.

Den drei Kollegen gelingen kräftig gezeichnete Milieustudien aus Moskau und dem Vorortzug. Meret Engelhardt hat zum Beispiel einen starken Auftritt als schnurrbärtige Alte, der einst der Liebste die Vorderzähne ausschlug. Christine Zart vermag die Unterlippe weit nach vorne zu schieben und zum Prototyp jener wechselnden Mitreisenden zu werden, die Wenja mit "runden nichtssagenden Augen" anschauen.

Zu Mitreisenden macht die Inszenierung aber auch uns auf beiden Zuschauerblöcken, die mit hydraulischem Geräusch aufeinander zu fahren. Dazwischen wird die Szene schmaler und schmaler. Man kann einander anblicken, einen Spieler oder Zuschauer, und mit Wenja denken: "Allgemeine Kleinmütigkeit - ja, das wäre die Rettung aus aller Not, ein Allheilmittel, das Prädikat höchster Vollkommenheit!"

  • Weitere Vorstellungen am 29. April, 27. Mai und 23. Juni.