Premiere in Rudolstadt: Freunde das Leben ist lebenswert

Dies ist ein schlechtes Stück und ein großer Erfolg. Und also hat das Theater recht und das Publikum auch, dessen heftiger Beifall nach betroffenem Schweigen stehend dargebracht wurde. Der Berichterstatter blieb am Samstag sitzen.

Theater Rudolstadt: "Freunde, das Leben ist lebenswert" hatte Premiere.

Theater Rudolstadt: "Freunde, das Leben ist lebenswert" hatte Premiere.

Foto: zgt

Rudolstadt. Am Ende lodert ein Feuer. Ein Tenor mit dem Gesicht des Todes singt "Dein ist mein ganzes Herz". Der Mann, der diesen Text geschrieben hat, wälzt in Häftlingskleidung einen Stein. Zwei Herren diskutieren Betriebswirtschaft. Es handelt sich um Mitarbeiter der IG Farben und es handelt sich um Auschwitz. "Diese Judensau", sagt einer der Herren schließlich, könne ruhig etwas schneller arbeiten, woraufhin der eine SS-Mann dem anderen einen großen Hammer in die Hand drückt. Und hinten lodert das Feuer von Auschwitz.

Das Publikum entschloss sich, sehr betroffen, nur zögernd zum Applaus und der Berichterstatter, sehr ärgerlich, fast gar nicht. Für ihn war diese Szene eine unerträgliche Mischung aus schlichter Didaktik und ästhetischem Kitsch.

Kann sein, "Freunde das Leben ist lebenswert" ist, nicht nur als Titel, an dem bedrückenden Wunder des Filmes "Das Leben ist schön" orientiert. Doch der Zauberkünstler Robert Benigni wusste, anders als der Handwerker Charles Lewinsky, dass man das Leben in Auschwitz als sichtbaren Teil einer Groteske erzählen kann, doch das Sterben nicht. Aber weil Lewinsky es dennoch erzählt, landet er im Kitsch. Das ist das Ärgerliche. Das Übrige ist, überwiegend, nur das Langweilige.

Dabei, das sollte bedrückend sein.

Fritz Löhner-Beda war unter anderem Librettist von Lehars "Das Land des Lächelns", er schrieb Lieder wie "O Donna Clara" und "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren". Fritz Grünbaum, dessen "Dollarprinzessin" auch in Erfurt gespielt wurde, war eine der prägenden Persönlichkeiten des deutschsprachigen Kabaretts, er textete Schlager wie "Ich hab das Fräulein Helen baden seh'n". Herrmann Leopoldi ("Veronika, der Lenz ist da") war einer der erfolgreichsten Liederkomponisten seiner Zeit.

Die drei Wiener Juden trafen sich wieder in Buchenwald. Leopoldi konnte dann in die USA ausreisen, Löhner-Beda blieb in Auschwitz, Grünbaum in Dachau. Charles Lewinsky erzählt das als Stationendrama, Wien, Buchenwald, Auschwitz. Und legt die Geschichte als Groteske an, die Figuren, Geschundene wie Schänder, clownesk. Die Geschichte mag so zu erzählen sein, nur: Lewinsky hat nichts zu erzählen, außer der grotesken Grundsituation. Diese Szenen könnte man beliebig streichen und durch beliebig andere ersetzen, daraus mag folgen, dass das dann auch für die drei Hauptdarsteller gilt.

Wenn Lewinsky einmal eine konkrete Geschichte findet, wie einen grotesken Lyrikwettbewerb, für den Löhner-Beda als Ghostwrighter eines SS-Mannes arbeiten soll, dann wird das dankbar zelebriert und überdehnt Volker Pfüller, ein erstklassiger Bühnenbildner und Grafiker, hat einen goldbrokatenen Grammophontrichter auf die Bühne gehängt, ein Tingeltangelvorhang in Wien. Den Weg in das Tor zum Tod markieren zwei schrill bemalte Zäune, ein wenig den Zirkus assoziierend, ein gemalter Totentanz, den sie auch einmal tanzen. Hinten sitzt die Philharmonie, gewiss auch eine Maßnahme der kulturpolitischen Taktik.

Alexander Stillmark, einst mit Klaus Erforth Regisseur einiger herausragender Arbeiten des Deutschen Theaters in Berlin, hat ein Gefühl für das Groteske, aber er verschleißt hier an der Vorlage. Daraus folgt das matte Interesse, das die drei Hauptfiguren, alle weiblich besetzt, gewinnen. Charlotte Ronas, Simone Cohn-Vossen und Verena Blankenburg scheinen austauschbar, nicht nur durch die clowneske Maske. Kaum Differenzierungen, kaum Aufmerksamkeitsgewinn durch Schauspielkunst, der immer gleiche Gestus. Die Geschichte kommt kaum von der Stelle, sie erzählen, kontrastiert durch den Tenor Jürgen Mutze, der die Klassiker singt, die immer gleiche Grundsituation – und die ist bald erschöpft. Da ist keine Kraft in den Szenen, keine Spannung. Wenn Löhner-Beda etwa um seinen Freund Grünbaum trauert und zugleich ein Gedicht auf den Führer schreiben soll, dann sind Trauer und Tragik nur behauptet, nicht gefühlt. Sie können den schreienden Kontrast nur als Grundsituation etablieren, aber kaum je im Detail behaupten.

Es hat Konsequenz, dass die SS-Chargen deutlich überzeu-gender sind: Die benötigen keinen Untertext. Johannes Arpe und Benjamin Griebel sind mit groteskem Gestus, mit beherrschter Körpersprache die Protagonisten des Abends.

"Mit der Form", sagt der SS-Mann zu dem jüdischen Schriftsteller, "hast du dich immer ausgekannt, aber mit dem Inhalt..."

Und es ist, als sage er das über diesen Abend.

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