Regisseurin Nora Schlocker verlässt Theater Weimar

Nora Schlocker verabschiedet sich aus Weimar mit "Reicht es nicht zu sagen ich will leben". Und Stephan Märki verabschiedet damit sein Konzept der jungen aufkommenden Regisseure.

Die Leipziger Schauspielerin Linda Pöppel gibt, wie alle aus dem engagierten Ensemble, mehrere Rollen. Die nächste Vorstellung im E-Werk ist heute. Foto: Thomas Müller

Die Leipziger Schauspielerin Linda Pöppel gibt, wie alle aus dem engagierten Ensemble, mehrere Rollen. Die nächste Vorstellung im E-Werk ist heute. Foto: Thomas Müller

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Weimar. Am Ende gab es heftigen Applaus. Und aus der Perspektive des älteren Berichter-statters muss es heißen: irritierend heftigen Applaus des jungen Publikums. Galt er tatsächlich der radikalen Aufmüpfigkeit des Stückes oder dem Abschied der Regisseurin?

In gewisser Weise war "Reicht es nicht zu sagen ich will leben" von Claudia Grehn und Darja Stocker eine Bilanz der Weimarer Arbeit von Nora Schlocker.

Wie "(K)EI(N)LAND" und "Heimwerker/Heimkehrer" von Tine Rahel Völcker ist das ein für den Ort und das Ensemble entwickelter Text, hier in Koproduktion mit Leipzig. Wie da hat Steffi Wurster eine den Raum des E-Werkes verändern-de Rampe gebaut, den Blumensteg des japanischen Theaters, eine Art Catwalk. Und auf dem treten tatsächlich mehr Muster und Modelle auf als wirkliche Menschen. Modelle, die Sprachmasken und Sprachkostüme tragen, einschließlich rudimentärer merkwürdiger Accessoires, schusssichere Westen, schwarze Flügel und die Panzer der Ninja-Turtles, denn es ist Krieg in Deutschland.

Wie "Medea" handelt der Abend auch von der Heimat, in der einem die Dinge nicht egal sind. Wie in den "Geschichten aus dem Wiener Wald" und "Woyzeck" ist das eine Demonstration von Haltungen, wie in "Die schmutzigen Hände" der Versuch, Thesen bühnenfähig werden zu lassen. Wie in "Die Anbetung der Eidechse" finden sich in den kühlen Konstruktionen Inseln der Berührung durch Schauspieler. Wie in allen diesen Arbeiten, ausgenommen den herausragenden "Liliom", inszeniert sie häufig mehr Strukturen als Menschen, ist ihr ein Problembewusstsein wichtiger als ein Menschenbewusstsein. Und wie immer ist Nora Schlocker sehr gut im Handwerk, hat sie ein Gefühl für Rhythmus und Timing.

Dieses Stück ist ein Patchwork sozialer Probleme, einige Figuren, impressionistische Beobachtungen, etwa in einem Heim für Asylbewerber, die menschenunwürdig behandelt werden, bei Schülern, die sich verweigern, bei einem Anwalt, der als naiv-wackerer Kohlhaas das System verbessern will. Das Problem ist nicht die inhaltliche Radikalität des Textes, es ist sein Mangel an Vitalität. Er ist, mag man sagen, so voll hilfloser Wut wie viele junge Leute es sind, unreflektiert, sich in Versatzstücken artikulierend, aber doch wahr, doch ehrlich, doch wirklich. Aber ein Stück ist er nicht.

Die Darsteller Jeanne Devos, Markus Fennert und Hagen Ritschel (Weimar) sowie Carolin Haupt, Linda Pöppel und Barbara Trommer (Leipzig) engagieren sich sichtlich mit Kraft für diesen Text - doch die Arbeit gewinnt nie die Energie, wie einst die Inszenierung des Textes von Tine Rahel Völker. Der Berichterstatter, man möge es seinem Alter zuschreiben und einer Haltung zum Theater, die mehr erwartet als eine atmosphärische Materialsammlung, er also bekennt, nach einer halben dieser zwei Stunden das Ende erwartet zu haben.

Nora Schlocker ist hinreichend jung, dass das alles noch als eine große lange Probe gelten kann, das Suchen nach Texten und Formen. Sie hat das gestaltende Talent, die Kraft - und sie hat das Bedürfnis, sich ernsthaft zu artikulieren. Wenn sich einmal beides fügt, dann werden wir noch hören von ihr, nicht nur aus Düsseldorf.

Stephan Märki will nun, nachdem ihn naturgemäß die zweite junge Regiehoffnung abhanden kommt, auf Kontinuität setzen. Dem Ensemble ist das sehr zu wünschen.