Romeo und Julia im militanten Protestmilieu: "Tanzt, bis ihr frei seid!"

Sie lieben sich, aber sie dürfen nicht. Weil die Eltern sich hassen. Oder ihre Religionen verfeindet sind. Oder sie die falsche Hautfarbe haben oder das falsche Geschlecht. Liebe in Zeiten des Hasses, das ist eine alte Erzählung, die nicht aufhören wird, aktuell zu sein, nirgends.

Eine Szene aus "Romeo und Julia" mit den Hauptdarstellern Romana Schneider (hinten Mitte) und Daniel Kersten (vorne). Für ihre vorherige Inszenierung "Fall Out Girl" wurde die Theaterscheune Teutleben mit dem Thüringer Theaterpreis 2012 ausgezeichnet.

Eine Szene aus "Romeo und Julia" mit den Hauptdarstellern Romana Schneider (hinten Mitte) und Daniel Kersten (vorne). Für ihre vorherige Inszenierung "Fall Out Girl" wurde die Theaterscheune Teutleben mit dem Thüringer Theaterpreis 2012 ausgezeichnet.

Foto: zgt

Weimar. Deswegen lässt sich "Romeo und Julia", diese tragische Liebesgeschichte schlechthin, in immer neue Zusammenhänge stellen, ohne ihre Kraft einzubüßen.

Die Theaterscheune Teutleben, der Thüringer Theaterverband und das Theater der Stadt Gotha, die mit ihrer "Romeo und Julia"-Inszenierung gerade durch Thüringen touren, haben sich für die Variante Rockoper im militanten Protestmilieu entschieden. Besetzt haben die Regisseure Christian Mark und Michael Semper das Stück als Romeo und Julia und Band; neben Romana Schneider (Julia) und Daniel Kersten (Romeo) spielen Johannes Geißer und Thomas und Michael Semper aus der Band "Dear Machinery".

Die Lichter gehen an, brachialer Schlagzeug-Sound, Bass, E-Gitarre. Vier Musiker in "Pussy Riot"-Gedenk-Mützen mit ausgeschnittenen Augenschlitzen spielen auf: "Tanz für die Freiheit!", singt die junge Sängerin in rotem Minikleid und bunter Strumpfhose – das allerspätestens seit der Performance der russischen Aktivistinnen in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ultimative weibliche Protest-Outfit. Hinter ihr laufen Schwarz-Weiß-Bilder von Demonstrationen. Romeo tanzt Pogo im Rücken der Zuschauer, dass der Bretterboden bebt – der Kostümball im Hause Capulet als Punkkonzert. "Tanzt, bis ihr frei seid!"

Zur Rock-Ballade "Two Housholds" werden Romeo und Julia einander gewahr. Julia nimmt die Sturmhaube ab, tiefe Blicke, sanfte Töne, Zeitlupe, die Begegnung der beiden Liebenden als ikonische Hollywood-Filmszene.

Die Inszenierung verlegt Shakespeares Tragödie in den Untergrund: Julia als Mitglied der gesuchten Terrorgruppe "Capulet", Romeo als V-Mann des Staatsschutzes – Liebe in Zeiten der Verfolgung.

Zur Trauung dröhnt ein druckvoller Bass

Die Aktivisten sind versehen mit Insignien der Gegenkultur: Graffiti-Sprühdosen, schwarze Pullover und schwere Stiefel. Der Protest kommt daher als lässige Geste mit jeder Menge popkultureller Referenzen.

Pater Lorenzo (Johannes Geißer) erinnert beim ersten Auftritt von hinten an den schwarz gekleideten El Mariachi aus dem Rodriguez-Film "Desperado" – erst von vorn sieht man das Beffchen; ein wenig maliziös bleibt er trotzdem.

In die Trauung der Staatsfeindin mit dem Staatsschützer bricht der druckvolle Bass des "Rage Against The Machine"-Songs "Bombtrack". Auf den Leinwand-Stellwänden des wirkungsvollen, puristischen Bühnenbildes flackern Krawallszenen, Demonstranten mit Molotow-Cocktails, knüppelnde Polizisten (Video- und Foto- projektion: René Limbecker).

Spätestens jetzt ist klar, dass die Geschichte auch hier kein gutes Ende nehmen wird.

Tybalt ist tot, Romeo, der ihn umgebracht hat, verbannt. Nach Julia wird gefahndet.

Gegen Ende steht Julia eingehüllt in ein weißes Laken auf der Bühne, von unten angestrahlt von blauem Scheinwerferlicht, oben das rote Kleid. Das Bild erinnert an Darstellungen der Marianne, der symbolischen Frauenfigur der Französischen Revolution. Auch sonst spielt die 23-jährige Romana Schneider Julia nicht harmlos und hold. Nur bei Romeo wird das Riot-Girl zum kichernden Mädchen.

Die Theaterscheune Teutleben bringt den Klassiker krachend und mit sichtlicher Spielfreude auf die Bühne. Baz Luhrmann hat mit seiner grandiosen Verfilmung von 1996 mit Versatzstücken aus Actionfilmen, Popkultur und Kitsch ja ohnehin damit aufgeräumt, dass es sich bei diesem Klassiker um eine mucksmäuschenstille Veranstaltung für ein gediegenes Publikum zu handeln hat.

  • Nächste Aufführungen: 14. 12., 20 Uhr, Kunsthof Friedrichsrode; 15.12., 19.30 Uhr, Kurtheater Bad Liebenstein; 16. 12., 19 Uhr, Gemeindesaal Schwabhausen.
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