Schauspieler des Nationaltheaters Weimar üben Nacktprotest

Im und für das E-Werk ließ das Ensemble des Nationaltheaters die Hüllen fallen. Enstanden ist ein Kalender für 2012. Die Spielstätte wird im Februar zunächst geschlossen und soll im kommenden Sommer saniert werden.

Weil die DNT-Schauspieler nicht aus dem E-Werk ausziehen wollen, zogen sie sich lieber für die alternative Spielstätte aus. Foto: Matthias Horn

Foto: zgt

Weimar. Seit im vergangenen Herbst publik wurde, dass das Nationaltheater das E-Werk 2012 zumindest zeitweise würde schließen müssen, um Kosten zu sparen, demonstrierten die Schauspieler des Hauses mehrfach ihre Bereitschaft, für diese Spielstätte gleichsam ihr letztes Hemd zu geben. Einen Tag, nachdem sie dort Mitte Dezember "Ein Fest für unser E-Werk" gaben, war es dann tatsächlich so weit: Insgesamt 13 der 18 Ensemblemitglieder ließen vor der Kamera des renommierten Berliner Theaterfotografen Matthias Horn die Hüllen fallen. Sie posierten im Kesselsaal des E-Werkes für einen "Nacktprotestkalender".

Auf die Idee war der Schauspieler und Ensemblesprecher Michael Wächter gekommen. Dabei standen weniger die erotischen Pirelli-Kalender Pate als vielmehr die Form des Nacktprotestes, die im vergangenen Jahr weltweit eine Renaissance erlebte. Geboren in den Studentenprotesten und der Friedensbewegung seit Ende der 1960er Jahre, fand sie in Aktionen von John Lennon und Yoko Ono oder auch der Berliner "Kommune 1" ihre bis heute prominentesten Beispiele.

Vielfältig kam der Nacktprotest 2011 wieder zum Einsatz. So ging vom kanadischen Toronto aus der "Slutwalk" um die Welt, zu deutsch "Schlampenmarsch": Tausende Frauen demonstrierten für ihr Recht auf reizvolle Kleidung und zugleich dagegen, dass ihnen damit eine eigene Schuld an sexuellen Übergriffen gegeben wird.

Die ägyptische Kunststudentin Alia Magda al-Mahdi zog sich fürs Internet aus, um für die Freiheit des Ausdrucks und der Kunst in ihrem Land einzutreten; aus Solidarität zogen sich daraufhin auch Israelinnen öffentlich aus. Ebenfalls nackt im Internet zeigten sich Chinesen, um den verfolgten Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei zu unterstützen, gegen den die Behörden wegen angeblicher "Pornografie" ermitteln. Und drei Ukrainerinnen protestierten mit freiem Oberkörper vor der KGB-Zentrale in Minsk.

Auf diese sozusagen internationale Bewegung Bezug nehmend, wollen die Weimarer Schauspieler ihren Kalender, der mit spontan inszenierter Fotokunst durch das Jahr 2012 führt, durchaus als (kultur-)politische Aktion verstanden wissen. Es ist schließlich ihr Beruf, im geschützten Theaterraum ihre Haut zu Markte zu tragen, ob sie dabei nun angezogen sind oder nicht. Wird ihnen ein solcher Raum auch nur vorübergehend genommen, müssen sie sich bloßgestellt fühlen. Insofern gebietet es wohl schon die Würde, wenn sich ein Schauspieler dagegen wehrt, zum machtlosen Spielball der Verhältnisse zu werden.

Zugleich erinnert der Kalender an jene Redewendung, die eine finanzielle Notlage so beschreibt: "Greif mal einem nackten Mann in die Tasche!" Sie würde in diesem Fall das 250.000-Euro-Defizit meinen, welches das Deutsche Nationaltheater wegen gesunkener Einnahmen dieses Jahr aus eigener Kraft auszugleichen hat: mit Hilfe der zeitweisen E-Werk-Schließung, die Betriebs- und Produktionskosten spart.

Für die Spielstätte kündigte das DNT deshalb eine zehnwöchige "Winterpause" ab Februar an. Ursprünglich geplant war sie bereits ab Jahresbeginn. "Das E-Werk wird also einen Monat länger, als von der Leitung vorgesehen, bespielt", freuten sich die Schauspieler deshalb auf ihrer "Facebook"-Seite "E-Werk muss bleiben" über einen ersten kleinen Erfolg ihres kreativen Widerstandes.

Einen weiteren stellen sie dort in Aussicht: die Sanierung der Spielstätte, die insbesondere gedämmt werden muss, um die Heizkosten zu senken. "In der Sommerpause sollen die Arbeiten im E-Werk beginnen, sodass im September der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden kann", heißt es dazu.

DNT-Geschäftsführer Thomas A. Schmidt bestätigte die Meldung gegenüber unserer Zeitung. Demnach nahm er die zwischenzeitlich ruhenden Gespräche mit den Stadtwerken, denen das E-Werk gehört, im Dezember wieder auf. Man werde daraufhin nun in Kürze den Mietvertrag bis 2016 verlängern. Darüber sei auch der DNT-Aufsichtsrat informiert, der nicht widersprochen habe.

Im Gegenzug wollen die Stadtwerke die Spielstätte so sanieren, "dass sich deren technischer Zustand und die Heizsituation deutlich verbessern", so Schmidt. Dafür sei im Sommer acht Wochen lang Zeit. Ob das zu schaffen ist, solle jetzt in der Detailplanung geklärt werden.

Auf dem Dezemberblatt des Kalenders sieht man Schauspieler Johannes Schmidt nackt, frierend und hilfesuchend in die Kamera blicken, die Hand am Türknauf haltend. Wider Erwarten wird er nächsten Winter wohl rettenden Einlass finden.

E-Werk-Kalender

  • Fotograf Matthias Horn und der Grafiker Heinrich Kreyenberg, haben den E-Werk-Kalender 2012 honorarfrei produziert.
  • Erschienen ist er in einer limitierten Auflage von 250 Stück, jedes einzelne vom Ensemble handsigniert.
  • Er wird an der Theaterkasse des DNT zum Selbstkosten-Preis von fünf Euro verkauft.
  • Bestellen kann man ihn zudem über die E-Mail-Adresse ewerkmussbleiben@gmx.de. Dabei kommen sieben Euro Versandkosten hinzu.

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