Starkes Schiller-Doppel erzählt in Weimar und Erfurt von Macht und Gewalt

Weimar. DNT Weimar: Hasko Weber inszeniert "Wallenstein" als Polit-Thriller, Volker Lösch die "Räuber"-Oper als Polit-Comic

"Die Räuber" in Weimar: mit Alexander Günther (Roller), Jaesig Lee (Karl Moor) und dem Herrenchor. Foto: Matthias Horn

"Die Räuber" in Weimar: mit Alexander Günther (Roller), Jaesig Lee (Karl Moor) und dem Herrenchor. Foto: Matthias Horn

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Die Doppelschlacht ist geschlagen. Zu vermelden ist ein gewaltiger Kraftakt am Nationaltheater Weimar, den es lohnte. Es war eine Materialschlacht. Das Material bestand aus Texten: von Schiller, von Verdis Librettist Maffei, von radikalisierten Thüringern unserer Tage.

Jeder Abend für sich ist ein Ereignis: viereinhalb Stunden "Wallenstein"-Trilogie, zweieinhalb Stunden "Räuber"-Oper. Erst in der Zusammenschau schlagen sie aber den großen Bogen: Auf den erbitterten Kampf um die Macht, geführt mittels Wortgefechten, folgt die radikale Verleugnung der Macht.

Das DNT behauptet konsequent Schillers Schaubühne als moralische Anstalt, indem es von abwesender Moral erzählt, im Hier und Jetzt.

Zuerst im "Wallenstein", inszeniert von Intendant Hasko Weber. Der Einstieg ist grandios: Das Sittengemälde "Wallensteins Lager" entfaltet sich in einem Duett auf schiefer Ebene, ein Christenkreuz darstellend: Jonas Schlagowsky und Michael Wächter klagen wehleidig als Ordensbrüder, lassen eine Dirne ihr Geschäft mit dem Krieg betreiben und zum Gewaltopfer der Soldaten werden, die im Felde ihre Freiheit suchen.

All das, rasch hintereinandergeschnitten, mit aufblitzendem Licht und zu den treibenden Klängen und Geräuschen von Sven Helbig, hat Tempo und Rhythmus. Hier funktioniert Webers Zuspitzung bestens.

Ambitioniertes Sprechtheater

Im weiteren Verlauf wirkt das Drama etwas schematisch. Weber inszeniert den Untergang des Feldherrn als spannenden und unterhaltsamen Polit-Thriller. Er kultiviert ambitioniertes Sprechtheater: Auftritt, Rede, Abgang. Er entdeckt einigen Witz in den düsteren Texten, manchmal auch nur Kalauer.

Die Generäle scheinen einem Tarantino-Film oder den "Sopranos" entsprungen, allen voran die Wallenstein-Getreuen Illo (großartiger nervöser Einpeitscher: Krunoslav Sebrek) und Terzky (Sebastian Nakajev).

Ihr Boss ist kein pathosgeladener Held. Dominique Horwitz' Wallenstein ist der Pate mit Spitz-Bärtchen. Er taugt nicht zum "Soldatenvater". Da tritt ein verkniffener Denker auf, ein zähnefletschender Taktierer, ein mit der Zunge spielender Zocker - und ein Zauderer auch.

Sein Getreuester, der zum Gegenspieler wird, ist Octavio: Ingolf Müller-Beck ist ein enervierend launiger Schmierlappen, der Verrat organisiert. Wie der funktioniert, da sich jeder selbst der Nächste ist, exerziert Weber einleuchtend durch.

Eine überzeugende Gegenwelt gelingt nicht. Das Paar Max und Thekla strahlt papierne Unschuld aus. Dem idealistischen Piccolomini (Tobias Schormann) steht in Nora Quest ein deklamierendes Schulmädchen zur Seite - eine Leerstelle. Mehr zu erzählen haben andere Frauen: Anna Windmüller als Wallensteins kampfesmüde Frau, Johanna Geißler als intrigante Terzky, die sich krumm macht vor den Männern und für sie.

Den allgemeinen Verfall der Sitten im Kriegsmodus zeigt Weber klar und deutlich. Wohin das führen will, bleibt ungewiss.

Schiller-Figuren sind Stellvertreter: für widerstreitende Prinzipien. Alles Plakative ist angelegt. Regisseur Volker Lösch und sein Ensemble gehen damit in Giuseppe Verdis früher Oper "I Masnadieri (Die Räuber)" furios um, szenisch ebenso wie musikalisch. Wir erleben diese italienische Oper, in Weimarer Erstaufführung, als politischen Thüringen-Comic. Carola Reuther entwarf dafür große Sprechblasen, unter denen die Protagonisten Stellung beziehen.

Sie singen im Original, darüber erscheint bruchstückhaft die oft freie Übersetzung. Vor allem aber werden hier auf verblüffende Weise neue Texte zugeordnet: aus Interviews, die Lösch & Co. in Thüringen führten. Es gibt viel zu lesen und zu sehen. Dafür sorgt Bahadir Hamdemirs berserkerhafte Videoarbeit, in der Annette Hauschilds Fotos aus Thüringens (Nazi-)Heimat das Drama klar verorten.

"Räuber"-Konzept geht vollständig auf

Mit den Texten transportieren Karl Moor (Jaesig Lee) und seine Räuber rechtsextreme Haltungen, auf DDR-Verklärung gründend. Später kommt uns der auch szenisch kraftvolle Männerchor bedrohlich nahe und zückt die Teleskopschlagstöcke. Mit Baseballschlägern kreist die Nazibande muslimische Frauen ein. Als Karl Gewissensbisse plagen, erscheinen Texte von Nazi-Aussteigern.

Auf der Gegenseite: die linksextreme Amalia (Heike Porstein) mit Pflasterstein, antifaschistisch bis ins Mark, auf ihre Weise aber ebenso systemfeindlich. Dazwischen steht der alte Moor (Daeyoung Kim) müde am Rednerpult mit Bundesadler und drischt Phrasen. Sohn Franz (Alik Abdukayumov) kommt als sein rechtspopulistisches Abziehbild daher. Er führt eine Pegida-Demonstration an, in Angstträumen begegnet er funkelnden Burka-Frauen.

Den Reigen kurzer Szenen konterkarieren mitreißende, galoppierende Klänge, die Martin Hoff mit der Staatskapelle verwegen aus dem Graben schickt. Das scheint so gar nicht zueinander zu passen und wirkt doch wie aus einem Guss. Das Konzept geht vollständig auf.

Die Solisten singen allesamt hervorragend große Oper im Belcanto-Stil, ohne sich ihr zu ergeben. Sie legen kräftigen Charakter in ihre Stimmen.

Der sich bereits anbahnende Jubel für alle Beteiligten wird jäh unterbrochen, als der Schatten eines schwarzhäutigen Flüchtlings von der Gewalt erzählt, die ihm in Thüringen begegnete.

! "Wallenstein" wieder am 7. und 20. Februar in Weimar, am 11., 13 und 22. Februar am Theater Erfurt. "Die Räuber" am 6., 13. und 21. Februar.