Theaterhaus Jena startet mit einem "Faust" in die 20. Saison

Die neue Truppe am Theaterhaus Jena startet mit einem "Faust" in die 20. Saison, der eigentlich ein "Urfaust" ist. Und Moritz Schönecker scheint als Regisseur ein Zwitter, der Modernität und Tradition versöhnen will.

Matthias Znidarec beschwört die Geister wie ein Dirigent. Foto: Sascha Fromm

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Jena. Der schwarze Engel steht rechts. Hinten, auf dem Turm sind die drei bunten platziert, sie haben eine Leiter mit. Es ist wohl die vom Jacob, von damals her: Selbst im himmlischen Theater kehren sie zusammen, was da noch zu finden war. So werden sie es nachher auch hier unten halten. Aber jetzt quengelt und nörgelt der Schwarze durch das Megaphon, und die Bunten pusten lustige Seifenblasen. So säuseln sie wenigstens nicht. Als wüssten sie, dass ihr Vorspiel im Himmel für die da unten sehr entbehrlich ist.

Im Theaterhaus Jena eröffnete das neue Ensemble die 20. Saison mit dem Stück der Stücke. "Faust", das ist nicht nur ein Theaterstück, es ist auch ein Mythos, ein Probstein durch Tradition. Und Moritz Schönecker, der Chef der Truppe und Regisseur des Auftakts, muss darunter sehr gelitten haben.

Das Programmheft berichtet von dramaturgischen Irrungen und Wirrungen um die rechte Fassung. Am Ende ist es beinahe der "Urfaust", ergänzt um einiges Überflüssiges aus "Faust I". Das Vorspiel im Himmel hilft der inneren Schlüssigkeit nicht auf, da ein "Urfaust" dramaturgisch kaum je schlüssig sein wird, es bleibt doch notwendig der kraftvolle Entwurf, das wirkungsmächtigere Stück ohne die ganz Philosophei.

Diese reichlich zwei Stunden erzählen keine Konzeption, sie haben nämlich keine, keine erkennbare wenigstens, die mit dem Mythos Faust zu tun hätte, aber sie erzählen etwas über den Regisseur Moritz Schönecker. Und der scheint ein gleichsam zwittriges Wesen zu sein.

Denn hinter der Fassade aus, meist beherrschten und wirkenden, Effekten, unter dieser lässigen Oberfläche scheint da ein beinahe konservativer Regisseur zu wirken, der respektvoll und weithin unironisch umgeht mit Text und Sprache.

Dem entspricht die Ausstattung (Benjamin Schönecker/Veronika Bleffert), die in ihrer Hemdsärmligkeit Fundus und Magazine geplündert hat, als wollte sie eine Summe dieser 20 Jahre präsentieren. Und die doch helfende Spiel-Räume schafft, unterstützt von zwei intelligent verwendeten, atmosphärischen Video-Wänden.

Und Moritz Schönecker kann immer dann Atmosphäre erzählen, wenn der Gedanke dahinter den Schauspielern gilt und nicht der Didaktik. So läuft ihm der Dom aus dem Ruder –

Leider spielt auch der Valentin mit

die Szene gestrichen und nichts würde fehlen -, und wenn der sterbende Valentin, den sie leider in den "Urfaust" pressen, an die Rampe tritt zu seinem Statement, dann sitzt weiter oben ein Typ mit zwei Deutschland-Fähnchen am Kopf: Das ist so klar wie es langweilig ist, das ist, als ob es im Programmheft stünde. Und der Erdgeist kommt als Wuschelwesen mit roten Leuchteaugen von der Seitenbühne, als fühlten sie sich zur zitierenden Ironie verpflichtet.

Aber wenn es gut geht, dann kann Schönecker die Schauspieler mit der Szene verbinden, dann ergänzen und befeuern diese einander.

Faust in seiner Studierstube, vor der Mephisto den halbhohen, roten Budenvorhang wegzieht, vorn der Schreibtisch, hinten die Videoprojektion mit Ofen und Computer. Matthias Znidarecs "Habe nun ach..." ist vollkommen ernsthaft und vollkommen unironisch. Dann wütet und schreit er, der Mann hat die Enge satt. Vor dem magischen Buch breitet er beschwörend die Arme aus , als wolle er die Geister dirigieren. Vollkommen ernsthaft, vollkommen durchglüht in der Begegnung mit Gretchen, der souveräne, liebende Mann. Und vollkommen zerstört im Kerker, zerstört als Persönlichkeit, reduziert auf seine Schuld. Hier spielt Znidarec überzeugend, was ein "Urfaust" nur schwer zeigen kann: die Schuld und das, was sie macht aus Menschen.

Vor der Projektion "Am Spinnrad" sitzt in der erleuchteten Mitte eine junge Frau. "Mein Ruh ist hin..."So wie Ella Gaiser das spielt, da ist das Herz nicht nur schwer, da ist eine Ahnung in jedem Ton, und eine Sehnsucht auch. Und das Ahnen der Vergeblichkeit vermag die Kraft des Sehnens nicht zur Vernunft bewegen, das macht die Trauer. Im Kerker dann, gleichsam die Müllhalde der gesamten Ausstattung des Abends, ist Ella Gaiser atemlos hechelnd, keineswegs im Wahn, sehr sehend, sehr bewusst. Sie ist so überlegen im Schmerz wie er es war vordem in der Lust. Sehr eindrücklich, sehr intensiv, sehr gut. Besser kann man nicht debütieren in einer Stadt.

Was sich von und über Benjamin Mährlein so nicht sagen lässt. Allerdings, diesen Mephisto hat nicht er zu verantworten, das ist Regie. Ein Quengler, ein Nöler, ein Nerver. Er verwindet den Körper, er knödelt mit heller Stimme zum Erbarmen, als müsse er die "Spottgeburt aus Dreck und Feuer" in die Albernheit treiben, das ästhetische Kontrastprogramm. Hier ist ihnen die Figur davongelaufen, sie haben kein erzählbares Konzept für sie – auch deshalb bleibt es bei der konzeptionsfreien Liebesgeschichte. Nicht einmal Frau Marte –Natalie Hünig, die einst ein wunderbares Gretchen war – würde in dem atmosphärisch schönen Garten diesen Nervtöter schöne Augen machen.

Ein kurzweiliger Start, ein Vorspiel, sozusa gen, mit Substanz und Seifenblasen.

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