Uraufführung der Oper "Der leuchtende Fluss" in Erfurt

Ira Hayes war ein Held, wie die USA ihn gerne feiern. Als einer der sechs Soldaten, die 1945 auf der japanischen Insel Iwo Jima die US-Flagge hissten, wurde er auf dem wohl bekanntesten Foto des Zweiten Weltkrieges verewigt.

"Der Leuchtende Fluss" - Oper in drei Akten von Johanna Doderer im Theater Erfurt. Foto: Alexander Volkmann

Foto: zgt

Erfurt. Ira Hayes, der GI aus dem Indianerreservat, war aber zugleich ein Opfer des Krieges und des eigenen Ruhmes. In Erfurt wird sein Schicksal zum musikalischen Drama. Die Oper "Der leuchtende Fluss" erlebt dort morgen ihre Uraufführung.

Es waren nicht die Clint-Eastwood-Filme "Flags of our Fathers" und "Letters from Iwo Jima", die Johanna Doderers Interesse für den Soldaten Ira Hayes weckten. Die 41-jährige Komponistin und Großnichte des österreichischen Schriftstellers Heimito von Doderer beschäftigt sich seit Jahren mit der bitteren Geschichte des Mannes, der zum Helden wurde und später an der Aufgabe zerbrach, die sein Land ihm aufnötigte. Ira Hayes, 1923 in einem Reservat der Pima-Indianer in Arizona geboren, war Vorzeige-GI und Propagandafigur, wurde hofiert und herumgereicht, warb für Kriegsanleihen und spielte als Statist in einem Kriegsfilm mit, ohne sein eigenes Kriegstrauma überwunden zu haben. In einer Januarnacht 1955 kam er ums Leben, offenbar erfror er nach einem Trinkgelage.

Oper ist Oper und keine Historienstunde, "Oper braucht einen Konflikt und eine Liebesgeschichte", sagt Johanna Doderer. Letztere hat sie sich gemeinsam mit dem Librettisten und Schriftsteller Wolfgang Hermann ausgedacht, eine doppelte sogar: Da ist May, das Mädchen aus dem Reservat, das Ira liebt, da ist aber auch Captain Smith, eine ehrgeizige Offizierin mit dem Auftrag, aus dem einfachen Soldaten Hayes eine für Propagandazwecke geeignete Heroenfigur zu schmieden.

Die Konflikte mussten Hermann und Doderer nicht dazuerfinden, sie prägen Ira Hayes’ Biografie, sie sind zeitlos und gerade deshalb exzellenter Opernstoff. Der junge GI wird zerrissen zwischen Soldatenpflicht und persönlichem Ehrgefühl, zwischen der Rolle, die er im Dienst der Vereinigten Staaten spielen soll, und seiner Treue zum Volk der Pima. Zwar dient er dem offiziellen Amerika als Held – und als Beweis für die gelungene Integration der indianischen Minderheit –, aber er bleibt ein Fremder im Land der weißen Mehrheit, das sich so gern mit ihm schmückt.

Zweimal ist Johanna Doderer zu den Pima nach Arizona gereist, um mit Iras Bruder Kenneth und seinen Neffen zu sprechen. Sie haben Ira Hayes ein Denkmal gesetzt, die nationale Verehrung für ihn ist ihr Stolz und zugleich eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen. "Aber es geht ihnen nach wie vor schlecht, auch im Vergleich zu anderen indianischen Völkern." Doderer hat die Tristesse des Reservats erlebt, aus dem die Pima bis heute kaum ausbrechen können. Armut, Alkoholismus und eine besondere Form der Zuckerkrankheit sind dort die schlimmsten Geißeln. Einst war das Volk wohlhabend und konnte vom Ackerbau leben. Die Weißen leiteten den Fluss um, das Land der Pima wurde staubtrocken. "Der leuchtende Fluss", der Titel der Oper, ruft bessere Zeiten in Erinnerung und könnte zugleich eine Verheißung sein, dass das Wasser einmal wiederkommt.

Er hat aber auch eine mythische Bedeutung. Johanna Doderer greift auf indianische Legenden zurück, die im Verlauf des Dreiakters immer stärker in Ira Hayes’ Bewusstsein treten. "Das hat nichts mit Esoterik zu tun", betont die Komponistin; sie will zeigen, wie stark Ira Hayes’ indianische Wurzeln sind, allen Assimilierungsversuchen zum Trotz. In ihre Komposition fließen Elemente indianischer Musik ein, in einer Szene singt der Chor in der Sprache der Pima. Im 2. Akt, der in Japan spielt, verarbeitet sie aber auch japanische Klänge und Klangfarben, verwebt sie mit eingängiger westlicher Musik und klaren Leitmotiven. Intendant Guy Montavon, der bei der jüngsten Uraufführung seines Hauses Regie führt, bescheinigt Johanna Doderer "ein fundiertes Handwerk des Komponierens" – und fügt etwas weniger staatstragend hinzu: "Ich bin total high von ihrer Musik."

Johanna Doderer erlebte nur einen geringen Teil der Probenphase in Erfurt mit. Sie kürzte und verlängerte einzelne Szenen, wo es nötig war, hielt sich aber aus der Regiearbeit heraus. "Ich würde bei den Proben nur stören. Und ich habe in dieses Haus ein riesengroßes Vertrauen. Die Arbeit, die ich bisher hier gesehen habe, hat mich sehr glücklich gemacht. Ich will nie mehr anders arbeiten."

"Der leuchtende Fluss" hat am Sonntag um 18 Uhr in der Neuen Oper in Erfurt Premiere. Karten an der Abendkasse.

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