Von Fehrbellin nach Stalingrad

Meiningen  Meiningen. Ansgar Haag verbindet in Meiningen überzeugend Heinrich von Kleist mit Wolfgang Borchert.

Hagen Bähr als Prinz von Homburg (links) sowie Anja Lenßen (Kurfürstin), Meret Engelhardt (Prinzessin Natalie), Hans-Joachim Rodewald (Friedrich Wilhelm), Björn Boresch (Graf Hohenzollern), Sven Zinkan (Rittmeister Golz). Foto: Erhard Driesel

Hagen Bähr als Prinz von Homburg (links) sowie Anja Lenßen (Kurfürstin), Meret Engelhardt (Prinzessin Natalie), Hans-Joachim Rodewald (Friedrich Wilhelm), Björn Boresch (Graf Hohenzollern), Sven Zinkan (Rittmeister Golz). Foto: Erhard Driesel

Foto: zgt

Die gute alte Schräge. Die Frau in der Uniform (Antonia Dering), sie steht mit ihren Musikern an der Seite, singt, nein: ruft, nein: fragt oder klagt mehrfach „Deutschland“. Oben auf der Schräge stehen Menschen im Halbdunkel. Von dort tönt es „Ein Mann kommt nach Deutschland.“

Das ist Borcherts Text, das ist der Ton. Einer rollt die Schräge hinab und spielt traumverloren mit dem Lorbeer in seiner Hand. Das ist der Prinz von Homburg.

Ansgar Haag, der Meininger Prinzipal, muss in seinem Haus eine gediegene Konventionalität verbinden mit einem Anhauch von Modernität, so will es das Publikum, so liebt es sein Theater. Und Haag weiß, wie das geht. So lässt er sich von Kerstin Jacobssen eine Schräge bauen, wie sie schon vor Jahrzehnten beliebt war auf der klassischen Bühne. Und so lässt er Hans Nadolny, einst Dramaturg am Deutschen Theater Berlin, Kleists wunderbar sehnsüchtigen „Prinz von Homburg“ mit Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ verbinden. Das expressionistische Hecheln des Textes hat die Zeiten überdauert, weil es 1947 der Zeit ein Gesicht gab und einen Ton.

Sie taumeln in das Deutschland 1947

Geht das? Das Stück des preußischen Junkers, der verzweifelt sucht, wie sich die Sittlichkeit des Individuums mit der des Staates harmonisieren lässt, und das Antikriegsstück des Russlandheimkehrers? Denn was immer Kleist schrieb, ein Antikriegsstück ist es nicht. Es geht. Es ist vielleicht nicht Kleist, nicht ganz, dafür ist es: gut.

Der Borchert am Ende, nur eine halbe Stunde, gibt den Ton, das Konzept für den Kleist. Hagen Bähr, das ist sein Abend ganz und gar, spielt einen Jungen, Schwärmer mehr als Feldherr. Krieg ist dem noch Spiel, noch Teil des Jungen-Seins. Den Mund offen, den Körper ungelenk, den Blick auf Tod und Härte noch mit der Naivität dessen, der Gedichte in den Tornister packt zur Schlacht.

Der Schauspieler verweigert, anders als die Kollegen, der Schräge den klassischen Gestus. Gewiss, das ist kein Feldherr, aber es ist eine Figur. Waidwund steht er vor seinem Kurfürsten, wenn er endlich begreift: Das ist kein Spiel, das ist ein Sterben. Allerdings, von dieser Figur führt kaum ein Weg zur schließlichen Bereitschaft zum Tod. Haag versucht es, indem er den Jungen an ein Pult stellt, die Einsicht wie eine Vorlesung. Mit sanfter Ironie, die man bemerken kann, nicht muss, die Erlösung, die Gnade. Dann brüllen sie das „Heil!“, das „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“ Und dann taumeln sie, taumeln in das Deutschland 1947, taumeln in den Borchert. Auf der Videowand ein verfließendes Gesicht, als wollte Maryvonne Riedelsheimer Georg Heyms „Ophelia“ ein Gesicht geben.

Der Borchert ist eine Art Kurzfassung, Randfiguren, und ein Hagen Bähr, der Verzweiflung hechelt: Das ist, geht der Gedanke, die Konsequenz aus Preußen, das ist der Junge, der endlich lernte, wie es wirklich ist und darüber verzweifelt.

Und dazu ein gut disponiertes Ensemble. Hans-Joachim Rodewald, der das Preußische des Kurfürsten überzeugend ausbalanciert mit dessen Menschlichkeit, der wirklich betroffen ist, wenn er hört, dass sein Protegé nicht sterben will, der eine glänzende, intensive Szene hat mit der Natalie von Meret Engelhardt. Die bekommt später noch einen guten Auftritt als „ein Mädchen“, das nach Leben giert, während Rodewalds unbelehrter Oberst dann doch recht demonstrativ bleibt, aber das ist der Text. Anja Lenßen ist eine mütterliche Kurfürstin und dann eine überzeugende „Elbe“, es ist auch die bessere Rolle. Michael Jeske, bei Kleist der Feldmarschall, ist dann ein clownesker Tod, als wäre er einem Bild von Dix entstiegen.

Gewiss, die Dramaturgie mag etwas klappern hier und da, aber das bleibt Hekuba, wenn es doch ein eindrückliches Erleben bleibt. Am Ende geht Beckmann suchend, fragend durch die Reihen. „Gibt denn keiner eine Antwort?“ – Nein.

HHHHI Nächste Aufführungen am 27. Dezember, um 19 Uhr, und 8. Januar, um 19.30 Uhr