Bündeln, was auseinanderdriftet: Autor Stefan Petermann ist der„Harald Gerlach“-Stipendiat 2020

Weimar.  Auf drei Zeitebenen schreibt Stefan Petermann aus Weimar gerade an seinem Roman „Lange Stille“.

Der Schriftsteller Stefan Petermann, geboren 1978 in Werdau, schreibt Romane und Erzählungen. Er war Stadtschreiber im oberösterreichischen Wels und lebt in Weimar. 

Der Schriftsteller Stefan Petermann, geboren 1978 in Werdau, schreibt Romane und Erzählungen. Er war Stadtschreiber im oberösterreichischen Wels und lebt in Weimar. 

Foto: Wolfgang Andrä / Stefan Petermann

Wie spricht man über einen Roman, der gerade entsteht? „Das ist super schwierig!“, findet Stefan Petermann, als wir uns im Weimarhallenpark treffen. Dabei ließ er seinen zweiten Roman sogar „live“ und öffentlich entstehen: „Das Gegenteil von Henry Sy“ begann er 2012 für seine Leser und auch mit ihnen auf „Facebook“. Aber das war eben doch etwas anderes.

Andererseits reift die aktuelle Romanidee schon einige Jahre. Es gibt ein Exposé und eine erste Ausführung. Der Schriftsteller sucht und versucht noch, wie alles zusammenpassen könnte. Sollte sich aber ein literarisches Projekt im Schreiben deutlich verändern, landete es in Petermanns Schublade. „Denn dann ist etwas nicht ganz aufgegangen.“

Soweit soll’s nicht kommen. Stefan Petermann steht ja auch ein bisschen in der Pflicht. Für sein Romanprojekt „Lange Stille“ bekam er das zwölfte Thüringer Literaturstipendium „Harald Gerlach“, das inzwischen die Kulturstiftung des Freistaats vergibt: monatlich 1000 Euro, von Januar bis Dezember. Das gibt Petermann „eine gewisse ökonomische Beruhigung, gerade in einem Jahr wie 2020“, aber auch die Motivation, um nach langer Recherche mit dem Schreiben loszulegen.

„Was wäre, wenn sich neurechte Meinungen durchsetzen würden?“

Petermann, eine 41-jährige jungenhafte Erscheinung mit Brille und schulterlangem dunkelblondem Haar, ist ein nachdenklicher und zurückhaltender Mann. „Er ist ein Autor, der ein feines Gespür für brennende und eben nicht brüllende Themen hat“, schreibt Daniela Danz als Jurymitglied des Gerlach-Stipendiums, das sie selbst 2012 erhielt. Andere Stipendiaten waren Nancy Hünger, André Schinkel oder Peter Neumann. „Es freut mich sehr, dass ich in diesen Kreis eintreten darf“, sagt Petermann.

In ihm brennt, was seit zehn Jahren mit der Gesellschaft passiert. „Die Neunziger waren trotz aller Konflikte eine eher stille Zeit.“

Jetzt scheint alles auseinanderzudriften, politisch und in der Kommunikation über „soziale Medien“. Es geht rund im Land, wo nichts und niemand mehr rund läuft.

Das begann mit „Stuttgart 21“-Protesten, für die der Begriff „Wutbürger“ geboren wurde, was kaum noch einer weiß. Und Thilo Sarrazin behauptete in jenem Jahr, „Deutschland schafft sich ab“. Seitdem saß er in jeder Talkshow, verkaufte Millionen Bücher und beklagte dennoch, mundtot gemacht zu werden. „Dieses Muster gibt es ja bis heute“, so Petermann.

Rainer Brüderle geriet 2013, lange vor „MeToo“, in eine Dekolleté-Affäre, seit 2015 streitet man über Flüchtlinge, die Klimadebatte und „Fridays for Future“ folgten bald.

Das ist so ungefähr der Stoff, aus dem Literatur werden soll. Geschichten, die Geschichte machen.

„Lange Stille“ setzt bei jener Vorgeschichte ein, führt in die Gegenwart undurchlässiger Filterblasen und denkt alles zwanzig Jahre weiter. „Was wäre mit der Gesellschaft“, so die Überlegung, „wenn sich bestimmte Meinungen aus dem neurechten Spektrum durchsetzten?“

Stefan Petermann nennt es selbst ein wahnsinnig komplexes Thema. „Es gibt viele Zustände, die miteinander korrespondieren und sich aneinander reiben.“ Das versucht er zu beschreiben, ohne Hauptfigur, im Miteinander von Stimmen.

„Das Schwierige ist, alles zu bündeln“, sagt Petermann, „dass man sich nicht im Anspruch verheddert, alles erklären zu wollen, aber versucht, Denkanstöße zu geben.“

Daran saß er seit Januar. Dann ereilten uns ein Virus und radikale Gegenstrategien. „Homeoffice mit Kind ist natürlich nicht denkbar“, notierte Petermann am 15. März im Tagebuch „Coronamonate“, das er auf seinen Internetseiten zu führen begann, um den Überblick zu behalten, auch über eigene Irrtümer.

„Literarisches Schreiben über Gegenwart geht kaum ohne Politik“

„Das Schreiben“, hieß es dort, „wird sich in den müden Abend verschieben.“ Dreiviertel der Arbeitszeit brachen weg, sagt er jetzt. Zwei Extremsituationen auf einmal waren sowieso zu heftig: „mir was auszudenken zur totalen Verschiebung der Realität, und vor der Haustür passiert auch eine Verschiebung.“

Durch den Weimarhallenpark fuhren im Frühjahr Polizeistreifen. Sie hinterließen bei Petermann ein ambivalentes Gefühl. Er fand diese Corona-Kontrollen „einerseits sehr gut“ und empfand sie zugleich als „furchtbar beängstigend“.

Längst kocht die Volksseele. „Wenn ein simpler medizinischer Schutz wie das Tragen einer Maske ein politischer Akt wird und zu ideologischen Kämpfen führt, dann ist irgendwie alles politisch“, sagt Petermann. Er findet: „Literarisches Schreiben über Gegenwart, ohne mit Politik konfrontiert zu sein, geht augenblicklich kaum.“

Vom Auseinanderdriften von Stadt und Land erfuhr Petermann „Jenseits der Perlenkette“. Mit Yvonne Andrä suchte er Thüringens letzte Kleinstgemeinden auf. Ein Buch entstand unter anderem.

Erfahrungen daraus fließen eher subkutan und unbewusst in den Roman ein. Mit der ostdeutschen Perspektive verhält es sich ähnlich.

Herkunft ist Petermann ein wichtiges Thema geworden. Lange vermied er es, als ostdeutscher Autor zu gelten: „Ich dachte, das ist nicht wichtig.“ Nach diversen Lektüren hält er es nun doch für elementar.

Petermann aus Werdau, seit dem Medienstudium in Weimar heimisch, glaubt verstanden zu haben: „Ich bin in der DDR geboren, aber nach 1990 in Ostdeutschland aufgewachsen.“ Und diese Zeit nach der „Wende“ hält er in der Literatur für „noch ziemlich unbearbeitet“.

www.stefanpetermann.de