Cranach in Thüringen: Vorzeichnung unter der Farbe entdeckt

Der berühmte Weimarer Altar soll nicht, wie bislang angenommen, von Cranach d.Ä. begonnen und von seinem Sohn vollendet worden sein. Das belegen Studien des Kunstexperten Gunnar Heydenreich aus Köln. Mirko Krüger sprach mit ihm.

Grabplatte von Lucas Cranach d. Ä. an der Südseite der Kirche auf dem Jakobsfriedhof in Weimar. Foto: Marco Kneise

Grabplatte von Lucas Cranach d. Ä. an der Südseite der Kirche auf dem Jakobsfriedhof in Weimar. Foto: Marco Kneise

Foto: zgt

Professor Heydenreich, Sie untersuchen Gemälde von Cranach mit Infrarot – auch in Thüringen. Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich?

Wir wollen mehr über den Entstehungsprozess der Werke erfahren. Mit Hilfe der Infrarot-Strahlen blicken wir unter die Farbschicht auf den Maluntergrund. Die dort zu erkennende Unterzeichnung kann man kunsttechnologisch und stilistisch auswerten. Wir erfahren zum Beispiel, ob es sich bei der Komposition um eine Freihandzeichnung handelt oder aber um durchgepauste Linien.

Typisch für Vater und Sohn Cranach war, dass sie in Ihrer Werkstatt weitere Maler beschäftigten. Mitunter entstanden ganze Serien an Gemälden. Kann man mit Hilfe Ihrer Untersuchungen klarer zwischen Werken aus eigener Hand und denen der Werkstatt unterscheiden?

So ist es. Die typische Arbeitsweise Cranachs war, dass zuerst Studien auf Papier entstanden. Diese Entwürfe wurden vom Künstler auf Holztafeln übertragen – oder auch von seinen Mitarbeitern durchgepaust. Insoweit gestatten die Unterzeichnungen häufig nicht nur Einblicke in den Entstehungsprozess und Veränderungen der Komposition, sondern sie erlauben oftmals auch eine klarere Aussage zur Herkunft eines Gemäldes als dessen ge-glättete Farboberfläche.

Eine der schönsten Cranach-Legenden besagt, dass der Ältere in seinem Sterbejahr den Weimarer Altar begann, der Sohn diesen dann vollendete. Sie glauben nicht daran?

Die gemeinsame Tätigkeit von Vater und Sohn an dem Weimarer Retabel gehört in das Reich der Anekdoten. Bereits vor vier Jahren wurde anhand der Quellenlage belegt, dass der Altar mit sehr großer Wahrscheinlichkeit erst nach dem Tod von Cranach d.Ä. beauftragt wurde. Die von uns im letzten Jahr durchgeführte Infrarotuntersuchung des Retabels belegt zudem, dass die Unterzeichnung auf dem Malgrund von Lucas Cranach dem Jüngeren ausgeführt wurde.

Machen Sie es konkreter?

Der Ältere und der Jüngere unterscheiden sich in der Art und Weise des Zeichnens. Die Linienführung ist eine andere, auch das Ausführen der Konturen erfolgte individuell. Während der Vater meist mit Feder oder Pinsel zeichnete, präferiert der Sohn einen Stift. Die Unterzeichnung des Weimarer Retabels stammt eindeutig von Cranach d.J.

Was macht Sie da so sicher?

Im Rahmen des Projekts "Digital Cranach Archive" untersuchen und vergleichen wir mehrere hundert Werke in Deutschland, in Europa und in den USA. Diese Vielzahl erlaubt uns eine zunehmende Sicherheit in der Beurteilung.

In Weimar, so scheint es, weiß man noch nicht, dass man die Geschichte des Altars neu erzählen muss . . .

. . . wir haben die Ergebnisse der Studie noch nicht in die Breite kommuniziert. Dies wird aber in absehbarer Zeit erfolgen – etwa mittels unserer demnächst freigeschalteten Internet-Datenbank.

Ich möchte unser Interview gern mit einer Ihrer Infrarot-Aufnahmen des Weimarer Altarbildes illustrieren . . .

. . . . das geht leider nicht, weil die Stiftlinien sehr, sehr fein sind. Eine solche Aufnahme eignet sich für den Abdruck in der Zeitung nicht.

Inwieweit haben Sie die weiteren Thüringer Cranachs unter die Lupe genommen?

Über die Jahre haben wir die Sammlungen in Weimar, Gotha und Eisenach untersucht. Auch den Altar von Neustadt an der Orla kenne ich gut. Er ist der überhaupt einzige große Altar aus der Werkstatt Cranach d.Ä., der noch genau an jenem Platz steht, für den er einst entstand.

Wie bedeutsam sind die Thüringer Cranach-Werke?

Sie sind bedeutsam – und das nicht nur zahlenmäßig. Zu den eindrücklichsten Werken rechne ich das protestantische Lehrbild "Gesetz und Gnade" in Gotha und das Bildnis "Junker Jörg" in Weimar. Dieses Porträt ist das qualitätsvollste und vermutlich auch früheste Werk einer Reihe von Darstellungen Luthers als Junker, die später in der Werkstatt entstanden. Hier sind übrigens im Gesicht nur wenige Unterzeichnungslinien nachweisbar. Der routinierte Meister war bei eigenhändiger Ausführung offenbar nicht darauf angewiesen.

Zu den Kommentaren